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Dreizehntes Stück.
Sprach zuerſt das rauhe Wort er:
„Lebe wohl, ich nehme Abſchied!“
Abſchied, Abſchied, böſe Stunde!
In der Erkerſtube ſchnürte
Werner ſeine ſieben Sachen,
Schnürt' den leichten Reiſebündel;
Grüßt' zum letztenmal des Stübchens
Weiße Wände, 's war ihm ſchier, als
Wären's alte gute Freunde.
Nur bei ihnen nahm er Abſchied,
Margaretas Augen hätt' er
Nimmermehr begegnen mögen.
Drauf zum Schloßhof ſtieg er nieder,
Sattelte ſein treues Rößlein, —
Hufſchlag dann; — es ritt ein trüber
Reiter aus des Schloſſes Frieden.
In der Niederung am Rheine
Steht ein Nußbaum, dort noch einmal
Hielt er an mit ſeinem Roß.
Nahm noch einmal die Trompete;
Aus gepreßter Seele klang ſein
Abſchiedsgruß zum Schloß hinüber.
Klang — kennt ihr das Lied des Schwanen,
Der, im Herz die Todesahnung,
Einmal noch zum See hinausſchwimmt?
Durch die Roſen, durch die weißen
Waſſerlilien tönt die Klage:
„Schöne Welt, ich muß dich laſſen,
Schöne Welt, wie ſterb' ich ungern!“
Alſo blies er; war's die Träne,
Die auf der Trompete glänzte,
Oder war's ein Regentropfen?
Vorwärts jetzt; die ſcharfen Sporen
Preßt' er in des Roſſes Weichen,
Und in ſauſendem Galoppe
Flog er um den Waldesrand.
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