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Das Büchlein der Lieder. 147
Die Roſe prangt, doch kommt der Herbſt,
Steht ſie verwelkt und trauert,
Des Stechpalmblatts beſcheiden Grün
Den Winter überdauert.
KX.
Lind duftig hält die Maiennacht
Jetzt Berg und Tal umfangen,
Da komm' ich durch die Büſche ſacht
Zum Herrenſchloß gegangen.
Im Garten rauſcht der Lindenbaum,
Ich ſteig in ſeine Aſte
Und ſinge aus dem grünen Raum
Hinauf zur hohen Feſte:
„Jung Werner iſt der glückſeligſte Mann
Im römiſchen Reich geworden,
Doch wer ſein Glück ihm angetan,
Das ſagt er nicht mit Worten.
Das ſagt er nur mit Hei Juhei! —
Wie wunderſchön iſt doch der Mai,
Feinslieb, ich tu' dich grüßen!“
Im Wipfel hoch die Nachtigall
Stimmt ein mit ſüßem Schlagen,
Durch Berg und Tal wird weit der Schall,
Der Schall des Lieds getragen.
Drob ſchauen rings die Vögel auf,
Der Sang tät ſie erwecken;
Bald ſchmettert laut der helle Hauf
Aus Buſch und Zweig und Hecken:
„Jung Werner iſt der glückſeligſte Mann
Im römiſchen Reich geworden,
Doch wer ſein Glück ihm angetan,
Das ſagt er nicht mit Worten.
Das ſagt er nur mit Hei Juhei! —
Wie wunderſchön iſt doch der Mai,
Feinslieb, ich tu' dich grüßen!“
Die Welle hört's die Welle bringt's
Stromabwärts an die Häuſer,
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