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Vierzehntes Stück.
Doch warum im Monat Maie
Iſt das Aug' mir ſo beweglich,
Iſt das Herz mir ſo erreglich?
Und warum wie feſtgenagelt
Muß im Tag ich ſechzehn Stunden
Zum Balkon hinüberſchielen,
Nach der blonden Apollonia,
Nach der ſchwarzen Jüdin Rahel?
VIII.
In den Stürmen der Verſuchung
Hab' ich lang ſchon Ruh' gefunden,
Doch dem Tugendhaftſten ſelber
Kommen unbewachte Stunden!
Heißer als in heißer Jugend
Überſchleicht der alte Traum mich,
Und beflügelt ſchwingt des Katers
Sehnen über Zeit und Raum ſich.
O Neapel, Land der Wonne,
Unverſiegter Nektarbecher!
Nach Sorrent möcht' ich mich ſchwingen,
Nach Sorrent, aufs Dach der Dächer.
Der Veſuvius grüßt, es grüßt vom
Dunkeln Meer das weiße Segel,
Im Olivenwald ertönt ein
Süß Konzert der Frühlingsvögel.
Zu der Loggia ſchleicht Carmela,
Sie, die ſchönſte aller Katzen,
Und ſie ſtreichelt mir den Schnauzbart,
Und ſie drückt mir leis die Tatzen,
Und ſie ſchaut mich an ſüß ſchmachtend —
Aber horch, es tönt ein Knurren.
Iſt's vom Golf der Wellen Rauſchen?
Iſt es des Veſuvius Murren?
's iſt nicht des Veſuvius Murren,
Der hält jetzo Feierſtunde,
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