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Das Büchlein der Lieder. 169
O Ponte molle, du treffliche Bruck,
Ich glaube, du lohneſt mit böſem Spuk,
Daß ich mich in Träume verloren!
Es wirbelt ein Staub an der Heerſtraß' auf;
Jetzt ſperrt mir ein Ochſen⸗ und Büffelhauf'
Den Heimweg zu Romas Toren!
XII.
(Monte tes taccio.)
Ich weiß nicht, was da noch werden ſoll?
Schon dämmert's im feuchten Grunde,
Die Fledermaus macht ahnungsvoll
Um den alten Stadtwall die Runde,
Am Scherbenberg wird's öd und ſtill,
Ich glaub', die alte Wertin will
ereits die Schenke verſchließen.
Ein Käuzlein hör' ich drüben ſchrei'n,
Wo die Grahbzypreſſen trauern,
Campagnanebel ziehen herein,
Verhüllt ſtehn Tor und Mauern;
Es wogt und wallt wie ein Geiſterheer
Unm Ceſtius' Pyramide her,
Was mögen die Toten wollen?
Jetzt zuckt und flammt um den Berg ein Licht,
Die grauen Wolken verfliegen;
Es kommt mit neidiſch gelbem Geſicht
Der Vollmond aufgeſtiegen,
Er ſcheint ſo grell, er ſcheint ſo fahl,
Er ſcheint mir mitten in Weinpokal,
Das kann nichts Gutes bedeuten.
Und wer von der Liebſten ſcheiden gemüßt,
Dem wird ſie nur um ſo lieber,
Und wer zu lang in der Nachtluft ſitzt,
Bekommt in Rom das Fieber.
Schon löſcht die Wirtin die Lampen aus —
Felice notte! ich geh' nach Haus,
Die Zeche bezahl' ich morgen.
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