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Sechzehntes Stück.
Hat ein Mann von ſeinen Jahren
Die Vermutung gegen ſich.
Darum ſandten wir zwo Späher
Auf dem Fuß ihm nach, doch dieſe
Fanden drauß' ihn bei den Trümmern
An der appiſchen Gräberſtraße.
's hat ein römiſcher Padron einſt
Seiner jüd'ſchen Freigelaſſnen,
Die er als Andenken an den
Tempelbrand Jeruſalems
Mitnahm, dort ein Grab geſetzet,
Glaub', ſie hieß Zatcha Achyba.
Dorten ſaß er, und die Späher
Sagten, 's war ein ſchön Effektſtück:
Die Campagna nächtlich düſter,
Er, den Mantel umgeſchlagen,
Mondſchein auf dem Marmordenkmal.
Klagend blies er die Trompete
Durch der Nacht einſamen Schauer;
Manch ein Spottwort hatt' er ſpäter
Drob zu hören, neckend ſprach man:
Signor Werner komponier' ein
Regquiem der toten Jüdin.“
Sprach's. Es lächelt' Innocentius,
Lächelten die Kardinäle;
Pflichtgemäß nach hohem Vorgang
Lächelten die Kammerherren,
Selbſt des düſtern Carlo Dolci
Schwärmer⸗Antlitz wurde heiter.
Sprach der Papſt dann: „Meine Herren,
Achtung vor dem deutſchen Meiſter!
's wär' zu wünſchen, daß manch andrer,
Der ſich nachts verſtohlen fortſchleicht,
Auch zur app'ſchen Straße ginge.
Signor Werner ſteht in meiner
Vollen Gnad', ich werd's ihm morgen
Zeigen; morgen, wenn ich recht weiß,
Hab' ich auch der Frau Abtiſſin
Eine Audienz verwilligt.“
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