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I. Journaliſtiſch⸗Politiſches uſw. 9
trogen worden, diesmal nicht von den Diplomaten, ſondern von
denen, denen es als ſeinen eigenen Vertretern die wichtigſte Aufgabe
des Vaterlandes in die Hände gelegt hat. Der Tag wird kommen,
wo das Vaterland Rechenſchaft fordern wird von denen, die es auf⸗
gegeben haben.
Von badiſchen Abgeordneten haben Baſſermann, Gottſchalk, He⸗
bing, Mathy, Mittermaier, Soiron, Welcker, Zittel ſo geſtimmt, wie
das Vaterland von ihnen zu fordern berechtigt war.
(Aus Nr. 53:) In Frankfurt iſt man alſo endlich mit dem
Verfaſſungswerk zum Ziele gekommen. Die Oſterreicher, die Ultra⸗
montanen und ein Teil der Linken, die nun ihr Spiel verloren
ſehen, machen es jetzt wie unſere Roten, ſie proteſtieren. Warum
die Oſterreicher proteſtieren, iſt klar. Sie ſind von ihrer Regierung
angewieſen, gegen alles zu ſtimmen, was dem öſterreichiſch⸗metter⸗
nichſchen Intereſſe zuwiderläuft, ſie ſind beordert, namentlich da⸗
hin zu wirken, daß der alte Bundestag unter dem Titel „Direktori⸗
um“ wiederhergeſtellt wird. Warum die Ultramontanen und Abſolu⸗
tiſten dagegen ſich verwahren, iſt ebenfalls klar. Sie ſind auch nach
dem März die alten geblieben; ſie wollen keine andere Gewalt als
den übertünchten Bundestag, ſie wollen keine Verfaſſung, die dem
Volke die freieſten Rechte der Perſon, der Rede, Schrift und des
Glaubens verbürgt, die ein mächtiges, aber durch eine freie ge⸗
wählte Volksvertretung in Schranken gehaltenes Oberhaupt feſtſetzt.
Aber warum die Linke proteſtiert? Sie hat ja ſoviel von Freiheit
geredet, und jetzt kann ſie ein Deutſchland begründen helfen, das
alle früher heiß erſehnten Freiheiten beſitzt und ſich noch die Macht
dazu erringen kann. Sie muß ſich doch allmählich überzeugt ha⸗
ben, daß es mit ihrer Republik für jetzt nichts iſt, was iſt's alſo,
was ſie bedenklich machen kann? Vielleicht die Hoffnung auf Feſtig⸗
keit und Ordnung unſerer Zuſtände, die ſich allerdings bei einer
feſten und freiſinnigen Reichsregierung herſtellen muß? Fürchtet ſie
die „Freiheit und den Wohlſtand“ Deutſchlands und ſucht ſie des⸗
halb die Ungewißheit aller Dinge bis ins Unendliche zu verlängern?
Der Reichsverweſer hat zuerſt nach der Entſcheidung vom 28. März
ſeine Stelle niederlegen wollen; er beſann ſich aber eines Beſſeren,
weil er eingeſehen hat, daß man eine Stelle nicht mir nichts dir
nichts aufgeben darf, ehe der rechtmäßige Nachfolger eingetreten iſt.
— Dagegen hat Herr v. Schmerling, der nach Metternichs Sturze
deſſen Syſtem in Frankfurt vertrat, ſeine Entlaſſung erhalten. Man
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