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10 Aufſätze aus verſchiedenen Gebieten.
muß alſo in Olmütz mit ſeinem Erfolg doch nicht ganz zufrieden
ſein.
Die große Deputation, aus Reichstagsabgeordneten aller deut⸗
ſchen Stämme zuſammengeſetzt, hat ſich nach Berlin begeben, um
dem König Friedrich Wilhelm IV. ſeine Wahl zum deutſchen Kaiſer
anzuzeigen. Viele kommen jetzt mit dem Bedenken, ob König Fried⸗
rich Wilhelm die Wahl annehmen wird; merkwürdigerweiſe meiſtens
ſolche, die ſonſt den perſönlichen Willen des Fürſten gegenüber dem
Volke für nichts zu achten pflegen. Sie vergeſſen, daß die Wahl
durchaus kein perſönliches Kompliment für den König von Preußen
ſein ſoll; wäre ſie das, dann könnte derſelbe unbedenklich die Wahl
annehmen oder ablehnen. Man will aber etwas anderes; man
will den größten und mächtigſten deutſchen Staat an die Spitze
ſtellen; man will, wie in unſerer alten großen Zeit, den mächtigſten
deutſchen Stamm, der die rechte Stärke beſitzt, um das Schiff zu len⸗
ken, an das Steuerruder ſtellen. Darum hat das Volk hier vor al⸗
lem mitzureden und wie das Volk in Preußen denkt, das wiſſen jene
Zweifler recht gut, darum ſuchen ſie ſich auf einmal hinter den Wil⸗
len des Königs zu verſchanzen.
(Aus Nr. 55:) Von der Reiſe der Deputation der deutſchen
Nationalverſammlung nach Berlin wird berichtet, daß die Depu⸗
tation in Köln unter freudiger Begrüßung und unter allgemeinem
Wehen der auf Schiffen und Häuſern aufgehißten Flaggen einzog
und im Gaſthof von dem Kölner Bürgerverein feierlich empfangen
wurde. Dagegen verſammelte ſich kurz darauf ein Trupp ſouveräner
deutſcher Reichsbürger vor dem Gaſthof, veranſtaltete eine gedie⸗
gene Katzenmuſik, warf ein paar Fenſter ein und ſang zur Betäti⸗
gung ſeiner deutſchen Geſinnung die Marſeillaiſe und lief ſodann, zur
Betätigung ſeines Mutes, beim Erſcheinen einer kleinen Patrouille
auseinander.
Wahrſcheinlich waren dieſelben Leute dabei, die im vorigen Som⸗
mer die Heldentat begingen, Barrikaden in ganz Köln zu bauen,
während nirgends ein Feind war. Kinder müſſen eben geſpielt
haben.
Dagegen iſt Hannover, über deſſen offizielle Stellung zur deut⸗
ſchen Einheit man noch einige gerechte Bedenken hegen muß, die
Deputation mit offenem Jubel von Seite des Volks, mit Hoch auf die
deutſchen Grundrechte und auf Deutſchland empfangen worden.
— In Berlin werden große Empfangsfeierlichkeiten vorbereitet.
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