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I. Journaliſtiſch⸗Politiſches uſw. 13
gen nebeneinander geſeſſen. Nur das notdürftigſte Geſpräch, kein
Trinkſpruch. Für den Abend war eine Feier im Theater vorbereitet.
Die Deputation empfing beim Eintritt ein ſchwacher gedrückter Zu⸗
ruf. Als der Vorhang aufging, erblickte man einen Chor auf der
Bühne, der Arndt's Lied „Was iſt des Deutſchen Vaterland“ an⸗
ſtimmte. Aber es waren nur wenige in der Stimmung mitzuſingen.
— In der Erſten Kammer zu Berlin war alsbald der Antrag
geſtellt worden, „eine Adreſſe an den König zu entwerfen, um eine
anderweite, mit den Wünſchen der Kammer übereinſtimmende Ent⸗
ſchließung Sr. Majeſtät herbeizuführen.“ Die Verhandlungen über
dieſen Antrag führten aber zu keinem Erfolg, und die Erſte Kammer
vertagte ſich zu allgemeinem Erſtaunen bis Mittwoch den 11. April.
In der Zweiten Kammer teilte Miniſterpräſident Graf Branden⸗
burg eine Zirkularnote mit, die er an ſämtliche preußiſche Geſandte
bei deutſchen Regierungen erlaſſen hatte. In dieſer Note wird an dem
Grundſatz feſtgehalten, daß die Verfaſſung Deutſchlands nur im Weg
der Vereinbarung feſtgeſtellt werden und daß die getroffene Wahl nur
durch das freie Einverſtändnis der Regierungen zur vollen Rechts⸗
gültigkeit gelangen könne.
Es wird ferner die Bereitwilligkeit des Königs ausgeſprochen, auf
den Antrag der deutſchen Regierungen und unter Zuſtim⸗
mung der deutſchen Nationalverſammlung die proviſori⸗
ſche Leitung der deutſchen Angelegenheiten zu überneh⸗
men.
Die Note erſucht daher die preußiſchen Geſandten, diejenigen deut⸗
ſchen Regierungen, bei welchen ſie beglaubigt ſeien, dringend aufzu⸗
fordern, Bevollmächtigte nach Frankfurt zu beſtellen, um bindende
Erklärungen abzugeben:
1. über den Beitritt zum Bundesſtaat und die Bedingungen, unter
denen er erfolgen ſoll;
2. über die Stellung der zum Bundesſtaat vereinigten Regierungen
gegenüber der Nationalverſammlung, und zwar mit der Maß⸗
gabe, daß das Werk der Vereinbarung über die Verfaſſung
unverzüglich in Angriff genommen werde;
3. über das Verhältnis zu denjenigen deutſchen Staaten, welche
dieſem Bundesſtaat beizutreten Anſtand nehmen.
Die Deputation der deutſchen Nationalverſammlung aber iſt am
5. April von Berlin abgereiſt, nachdem ſie vorher noch dem
Staatsminiſterium eine energiſche Erklärung überreicht hat, worin
ſie ſich gegen jedes von den Regierungen angeſprochene Abänderungs⸗
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