http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw10/0019
I. Journaliſtiſch⸗Politiſches uſw. 19
poſtamtszeitung erinnert daran, wie die Märzbewegung des vorigen
Jahres nur darum vor den Thronen ſtehen blieb, weil ſie nicht
glaubte, ſie würden der Einheit ein Hindernis ſein, wie das deutſche
Volk ſich nur darum von den Republikanern abgewendet, weil deren
Führer durch die Wahl ihrer Mittel das Vertrauen des gebildeten
und ehrlichen Teils der Nation verlieren mußten.
Derſelbe Artikel ſtellt aber in Ausſicht, das jetzt Männer, wie Ga⸗
gern, Dahlmann, Beckerath, Beſeler, Baſſermann u. a.
ſich, um die heiß erſehnte Einheit zu retten, vielleicht an die Spitze
einer neuen Bewegung ſtellen müßten; und dann, fährt er fort, wird
dieſe Bewegung von einem ganz anderen Vertrauen getragen, dann
wird ſie — wie auch immer einzelne Wechſelfälle ſich dazwiſchen
ereignen mögen — auf die Dauer unwiderſtehlich werden, und den
Männern gegenüber, welche die Nation zu ihren Beſten zählt, wird
auf die Bajonette unſerer Söhne und Brüder kein Verlaß ſein.
Manche deutſche Regierung, die noch ſchwankt, ob ſie ſich den Geg⸗
nern der deutſchen Einheit anreihen will, mag daraus erſehen, wie⸗
viel Uhr es geſchlagen hat.
(Aus Nr. 64:) Am 14. April haben zu Frankfurt die Bevoll⸗
mächtigten von 28 deutſchen Regierungen als Antwort auf die preußi⸗
ſche Note vom 4. April eine Erklärung an das preußiſche Miniſterium
unterzeichnet, in welcher dieſelben namens ihrer Staaten die unbe⸗
dingte Annahme der von der Reichsverſammlung feſtge⸗
ſetzten Verfaſſung und die Zuſtimmung ihrer Fürſten zur
übernahme der Kaiſerwürde ſeitens des Königs von Preu⸗
ßen ausgeſprochen.
— Württemberg wird in Bälde ebenfalls zuſtimmen; dagegen ſind
noch keine Erklärungen abgegeben von Hannover, Sachſen, Bay⸗
ern und Preußen.
Sachſen wird auch nicht mehr lang ausbleiben; die ganz radikale
Zweite Kammer ſcheint ihre durch allerlei partikulariſtiſche Beſtrebun⸗
gen errungenen Scharten wieder auswetzen zu wollen; wenigſtens hat
Schaffrath und andere den Antrag geſtellt, die ſächſiſche Regierung
zur unbedingten Anerkennung der Reichsverfaſſung vom 28. März
und zum Widerſtand gegen jede beabſichtigte Veränderung derſelben
aufzufordern.
— ſterreich hat ſich beeilt, in der deutſchen Verfaſſungsfrage eben⸗
falls ſeine Erklärung abzugeben, aber die geht aus einer ganz an⸗
deren Tonart; Hſterreich erklärt nämlich: „daß es erſtens die
2*
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw10/0019