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I. Journaliſtiſch⸗Politiſches uſw. 21
(Aus Nr. 67:) In Frankfurt iſt gegenwärtig die Zeit der ſchwe⸗
ren Not und der ſchweren Noten. Es ſind dem Reichsminiſterium
wieder zwei gewichtige Erklärungen zugekommen, eine preußiſche
und eine öſterreichiſche. Die preußiſche ſagt, der König habe die
Übernahme der Oberhauptswürde im deutſchen Bundesſtaate an das
freie Einverſtändnis der deutſchen Regierungen als Vorbedingung
geknüpft. Außer Oſterreich, deſſen Nichteintritt in den neuen Bundes⸗
ſtaat zu erwarten geweſen, hätten mehrere der größern Staaten
Deutſchlands ein Einverſtändnis bis jetzt noch nicht zu erkennen ge⸗
geben, hiernach ſei zurzeit die Vorbedingung der Entſchließung des
Königs nicht vorhanden. Mit Rückſicht auf die Wichtigkeit des Au⸗
genblicks für die künftigen Geſchicke Deutſchlands wolle jedoch die
preußiſche Regierung noch — eine kurze Friſt warten, ehe ſie ſich
endgültig erkläre. — Alſo abwarten!
Die öſterreichiſche Zuſchrift dagegen iſt einfach, bündig, (um
gelind zu reden) grob gegen die Nationalverſammlung. .
Die Nationalverſammlung, heißt es in derſelben, habe den Erwar⸗
tungen nicht entſprochen, ſie habe ein ideales Reich anzubahnen ge⸗
ſtrebt, ſie habe durch ihre Beſchlüſſe vom 28. März den Weg der
Vereinbarung verlaſſen, den allein ſie zu gehen berufen war, und ſich
auf einen ungeſetzlichen Boden geſtellt.
Oſterreich werde daher an dem von der Nationalverſammlung ge⸗
ſchaffenen Bundesſtaat ſich nicht beteiligen, und würde ſich nie einer
fremden (!) geſetzgebenden Verſammlung oder einer von einem an⸗
deren deutſchen Fürſten gehandhabten Zentralgewalt unterordnen;
dagegen immer noch an den Schickſalen ſeiner alten Bundesgenoſſen
„aufrichtigen Anteil nehmen“. Zugleich werden die öſterreichiſchen
Deputierten ausdrücklich zur Rückkehr in die Heimat aufgefordert. —
Das wäre alſo ein kurzer und derber Abſchied. Wir werden dem
HOſterreich, ſo wie es jetzt von uns fortgeht, keine Träne nachweinen,
denn wir hoffen die Zeit noch zu erleben, wo es minder barſch und
vielleicht ein weniges reumütig an die Türen von Altdeutſchland
anklopft und Einlaß verlangt.
Die Nationalverſammlung nimmt ſich inzwiſchen Zeit, dieſe ge⸗
wichtigten Noten zu verdauen; ſie hat am Donnerstage eine Sitzung
über allerlei Ausſchußberichte gehalten und die folgende Sitzung erſt
auf nächſten Montag anberaumt.
Aus allen Teilen von Deutſchland gehen noch immer Adreſſen
nach Frankfurt, um die Nationalverſammlung zu feſtem Ausharren
bei der Reichsverfaſſung aufzufordern; ſo aus dem konſervativen
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