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I. Journaliſtiſch⸗Politiſches uſw. 23
die deutſche Einheit und Freiheit nicht gefährdet werde; bewähren
ſie jetzo durch einmütige Anerkennung der Reichsverfaſſung dies Ver⸗
trauen, ſo ſteht's gut um ſie und um das Volk.
Leider aber haben bis jetzt nur die deutſchen Staaten vom Groß⸗
herzogtum Baden abwärts zu den kleineren ſich ohne Widerſpruch
an die Beſchlüſſe der Nationalverſammlung angeſchloſſen; die König⸗
reiche, die in der Jahresfriſt ſeit März v. J. wieder Zeit und Muße
gehabt zu haben ſcheinen, den alten Souveränitäts⸗ und Dynaſtien⸗
traum noch einmal zu träumen, haben der Volksſtimme noch nicht ent⸗
ſprochen. Und ſollten ſie dabei beharren, daß ihre Ehre durch unbe⸗
dingtes Unterordnen unter den Ausdruck des Nationalwillens, unter
die zu Frankfurt beſchloſſene Reichsverfaſſung gefährdet würde, ſoll⸗
ten ſie durch das Verharren auf der unglückſeligen „Vereinbarung“
der deutſchen Einheit einen Damm entgegenſetzen wollen, dann —
nun, dann iſt einer neuen Bewegung Tür und Tor geöffnet, dann
werden neue Wogen aufbrauſen und den Verlauf des Sturmes kann
niemand vorherſagen.
Die Parole der Gegenwart, die auch der ruhige Bürger, der ſeit⸗
her offen und ehrlich gegen die Roheit von unten Front gemacht hat,
im Munde führt: heißt die deutſche Einheit! Stellen ſich die deut⸗
ſchen Königshäuſer der Einheit entgegen, dann wird ſich's entſchei⸗
den, ob die Integrität der Nation oder die der Dynaſtien dem deut⸗
ſchen Volk, d. h. den ſogenannten Heulern wie den Wühlern, das
wertvollſte iſt, und die Entſcheidung iſt ziemlich leicht vorauszuſagen.
Die niederrheiniſchen Bauern ſingen gegenwärtig:
Wie willt 'n deutſches Ryk,
Wenn ooch mit Republik,
Dat iſt uns allens, allens, allens glik.
Und das iſt die allgemeine Stimmung in Deutſchland. Wer darum
Augen hat zu ſehen, der ſehe; und wer Ohren hat zu hören, der
höre! — Wer aber nicht hören will, der muß fühlen, ſagt ein altes
Sprichwort, und das wollen wir nicht als Drohung, ſondern als
Warnung hier anführen.
Einen Anfang der kommenden Bewegung in den deutſchen König⸗
reichen zeigt gegenwärtig Württemberg. Das Miniſterium Rö⸗
mer hat, weil es wegen der Anerkennung der Reichsverfaſſung bei
der Krone auf unüberwindliche Schwierigkeiten ſtieß, ſeine Entlaſſung
eingegeben. Von oben denkt man an eine Erſetzung desſelben durch
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