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I. Journaliſtiſch⸗Politiſches uſw. 25
heißt: „Die Kammer der Abgeordneten, welche keinem Miniſterium
ihre Unterſtützung gewähren könnte, das in der deutſchen Frage an⸗
dere Geſinnungen und Anſichten verträte als die gegenwärtigen Mi⸗
niſter, fühlt ſich daher gedrungen, Eure Königl. Majeſtät zu bitten,
die unumwundene Anerkennung der Gültigkeit der deut⸗
ſchen Reichsverfaſſung für Württemberg durch Ihre Re⸗
gierung ſofort ausſprechen zu laſſen.“
In gleichem Sinne hatten ſich der Vaterländiſche wie der Volks⸗
Verein in Stuttgart ausgeſprochen, ebenſo die ſtädtiſchen Behörden.
Deputationen aus allen Gegenden des Landes ſprechen die un⸗
geteilte Billigung der Beſtrebungen des Miniſteriums Römer aus;
auch die aus den Märztagen v. J. als Gegenfüßler jeglicher Wühlerei
bekannten Weingärtner von Stuttgart haben eine Adreſſe in gleichem
Sinn an den König erlaſſen. Am Abend des 21. April rückte die
geſamte Bürgerwehr von Stuttgart trotz des ſtrömenden Regens
in Parade nach dem Rathaus und unterzeichnete daſelbſt eine Er⸗
klärung, „daß ſie, ſoviel an ihr iſt, entſchloſſen ſei, der
Reichsverfaſſung Gehorſam zu leiſten und zu verſchaffen.“
Trotz dieſer ſo unzweideutig ausgeſprochenen Stimmung aller Klaſ⸗
ſen des Volks verharrt der König in ſeinem Widerſtand; der Depu⸗
tation der Zweiten Kammer erklärte er, daß er ſich nie und nim⸗
mer dem Haus Hohenzollern zu unterwerfen geſonnen ſei; — einem
öſterreichiſchen Reichsoberhaupt gegenüber würde ihm dieſe Unter⸗
werfung möglich geworden ſein (!), das Unterordnen unter einen
preußiſchen Kaiſer verbiete ihm die Rückſicht auf ſeine Familie, ſein
Haus und das Vaterland; — er überlaſſe es der Kammer und dem
Volk, ſich auf den revolutionären Boden zu ſtellen.
Nach den neueſten Nachrichten aus Stuttgart hat der König eine
von keinem Miniſter gegengezeichnete Proklamation an das Volk
erlaſſen, worin er ſeine Württemberger auffordert, noch etwas —
abzuwarten; es ſei einmal die Kriſis eingetreten, daß die größeren
deutſchen Regierungen ſich über die Oberhauptsfrage noch nicht ver⸗
ſtändigt hätten und da könne er allein ſich noch nicht definitiv aus⸗
ſprechen; er hoffe aber, wie das Volk, auf eine friedliche und all⸗
ſeitige Anerkennung der Reichsverfaſſung.
Der König iſt alsdann nach Ludwigsburg abgereiſt. — Daß ſich
das Volk dabei beruhigen werde, iſt ſchwer anzunehmen. Die Auf⸗
regung gegen die Hofpartei iſt ſehr groß und wird auch vom Mini⸗
ſterium geteilt, ſo iſt insbeſondere der Kriegsminiſter, General
Rüpplin, mit dem Prinzen Friedrich von Württemberg in Kon⸗
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