Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 10: Aufsätze aus verschiedenen Gebieten)
[1916]
Seite: 33
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw10/0033
I. Journaliſtiſch⸗Politiſches uſw. 3

Das Miniſterium hat durch dieſe Umkehrung der konſtitutionellen
Praxis, anſtatt ſelbſt abzutreten, die Kammer, deren Mißtruuen es
reichlich beſaß, heimzuſchicken, jetzt offenes Feld gewonnen, um mit
dieſer bisher wahrſcheinlich noch geheim gehaltenen Politik hervor⸗
zutreten und auf der Bahn der Kontrerevolution rüſtig vorwärts⸗
zuſchreiten.
Die Nachricht von der Auflöſung der Kammer am 27. April ver⸗
breitete ſich wie ein Lauffeuer durch die Stadt. Es bildeten ſich
namentlich auf dem Dönhofsplatz vor dem Sitzungslokal der Zwei⸗
ten Kammer Gruppen, und AÄAußerungen großer Gereiztheit zün⸗
deten von einem zum andern. Abends gegen 8 Uhr erſchien Militär,
gab das Signal zum Auseinandergehen und feuerte hierauf zuerſt
ohne ſcharfe Ladung, dann aber, als dies fruchtlos blieb, ſcharf unter
die Menge. Zwei Perſonen blieben tot, drei wurden tödlich ver⸗
wundet. Die Stadt iſt natürlich in großer Aufregung.
In Frankfurt hat der Reichsverweſer den letzten Beſchlüſſen
der Reichsverſammlung anfänglich ſeine Unterſchrift verweigert, und
daher kam das Gerücht, die Reichsminiſter hätten ihre Entlaſſung
genommen. Die Meinungsverſchiedenheit wurde aber bald ausge⸗
glichen, und der Reichsverweſer hat die Einwilligung zur Abſendung
von Bevollmächtigten an die deutſchen Königshöfe genehmigt.
Unter den Reichskommiſſären ſind auch Baſſermann und Mathy,
erſterer nach Berlin, letzterer nach München beſtimmt.
Auch in Frankfurt und der Umgegend herrſcht große Aufregung.
Mitglieder der Linken, unter denen Raveaux, Vogt u. a. haben eine
Aufforderung an die Abgeordneten erlaſſen, ſich nicht zu entfernen,
da Frankfurt endlich handeln müſſe und handeln werde. Die äußerſte
Linke fordert ebenfalls ihre Mitglieder auf, auf ihren Poſten zu
verharren.

(Aus Nr. 75:) — Die Lage von Deutſchland iſt gegenwärtig
gefährlicher und bedrohter als jemals. Das einzige Heilmittel ge⸗
gen das Weiterumſichgreifen der Revolution, die Reichsverfaſſung,
wird, wie ſich jetzt ziemlich unumwunden herausſtellt, von den deut⸗
ſchen Königen verſchmäht; die Gerüchte über gewaltſame Auflö⸗
ſung der Frankfurter Nationalverſammlung gewinnen immer mehr
Bedeutung, und eine ſolche wäre nur das Seitenſtück zur Heim⸗
ſchickung der unbequem gewordenen Zweiten Kammern im eigenen
Staate. Man ſcheint alſo das Reſultat der Märzerhebung vorigen
Jahres nicht im künftigen deutſchen Staatsleben verwirklichen zu
Scheffel. X. 3


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