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I. Journaliſtiſch⸗Politiſches uſw. 47
nicht mehr zu folgen und ihre Truppen nicht nach Schleswig zu
ſchickken. Warum? Weil es in Frankfurt anders zu gehen ſcheint,
als die bayriſchen Ränke es zu Olmütz uſw. ausgekocht hatten. Da⸗
raufhin, hieß es, wollte man nun den dummen Streich begehen und
ſich zu etwas zwingen laſſen, was man doch am beſten freiwillig
gleich anfangs getan hätte. Damit aber die Regierungen nicht allein
ſtehen in ihrem undeutſchen und unwürdigen Gebaren, tun es ihnen
die „Volksmänner“ redlich nach. Die ſächſiſchen Kammern, wo
man Sonne und Mondn nicht mehr ſieht vor lauter „Volksmännern“,
haben auch Miene gemacht, die Truppen zu verweigern zur Unter⸗
ſtützung der deutſchen Brüder in Schleswig⸗Holſtein. Solange es
galt, Zweckeſſen zu halten und Trinkſprüche auszubringen für die
Schleswig⸗Holſteiner, da waren die Herren alle bei der Hand; jetzt,
wo's zum Klappen geht, würden ſie uns ruhig an die Dänen ver⸗
raten, während man uns anderwärts an die Koſaken verraten möchte.
Das iſt die deutſcze Einheit! Und dies Übel wird immer tiefer grei⸗
fen, je weniger wir eine feſte und ſtarke Regierung an der Spitze von
Deutſchland haben.
(Aus Nr. 55:) In Schleswig ſtehen die deutſchen Truppen vor
den kampfgerüſteten Dänen mutig und voll Begier, den Waffentanz
zu beginnen; aber außer einigen Kanonenſchüſſen, womit die Strand⸗
batterien bei Eckernförde eine däniſche Fregatte begrüßt haben, iſt es
noch nicht zum Kampf gekommen.
Die Diplomaten ſchaffen und weben indes immer noch in London
an den Friedensbedingungen; wer aber die maßloſen däniſchen Vor⸗
ſchläge lieſt, wonach die Unzertrennlichkeit Schleswigs mit Holſtein
vollſtändig aufgehoben werden und Schleswig mit Dänemark Ober⸗
haupt, Flotte und Heer fortan gemeinſchaftlich haben ſoll, wonach
ferner verlangt wird, daß ſich die deutſchen Truppen bis über die
Elbe zurückziehen und in die holſteiniſche Feſtung Rendsburg gemein⸗
ſam Dänen und Schweden einrücken ſollen, der muß wünſchen, daß
es eher heut als morgen zum Dreinſchlagen komme und daß die
Waffen es beſſer machen als die Federn.
Unterdeſſen flüchten ſchon viele Einwohner des nördlichen Schles⸗
wig mit Hab und Gut, denn die Dänen haben förmliche Liſten ent⸗
worfen, wonach beim Losgehen des Krieges faſt alle, die zur deutſchen
Sache ſtanden und in ihre Hände fallen, entweder in die Zitadelle
von Kopenhagen oder nach der Feſtung Nyborg fortgeſchleppt und
dort als Rebellen verurteilt werden ſollen.
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