Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 10: Aufsätze aus verschiedenen Gebieten)
[1916]
Seite: 73
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I. Journaliſtiſch⸗Politiſches uſw. 73

anzurichten — einem alten Praktiker muß wohl die Galle überlaufen.
An Brentano mag ich gar nicht denken.
Der Teufel räuſperte ſich und ſpuckte raſch in das Käſtchen. Die
Sägeſpäne begannen zu glimmen; es war geſchmolzener Kobalt und
Nickel ohngefähr zu gleichen Teilen. Als ich ſchnell das Trink⸗
geſchirrchen meines Kanarienvogels drauf ausgoß, bat mich mein
Beſucher lächelnd um Entſchuldigung: Er habe ſich dies verdammte
Ausſpucken von den Amerikanern angewöhnt, ob ich nicht ein Stück
Chiketabak annehme? Es ſah ohngefähr aus wie Kautabak, doch
ſagte ich: Ich verrauche meinen Teil, vergeſſen Sie Ihr Wort nicht.
Er nahm den Faden mit Unbefangenheit wieder auf, trommelte auf
dem Fenſtergeſims und bemerkte, indem er die Uhr zog: Ich hoffe
auf beſſere Leute, die Ruſſen ſind in Galizien, ſie werden bald am
Grabe Robert Blums ſtehen. Wiſſen Sie, was ich tue? Nein, ſagte
ich, ich bin kein Politikus. Schadet nichts, fuhr er fort, Sie werden
einer werden, ich habe mit meinen genannten Revolutionären auch
Lehrgeld bezahlen müſſen. Sie ſind ſeit einem Jahr konſervativ und
hoffen auf das Parlament? Auf dieſe Klaſſe zähle ich gerade auch.
Mit den Hitzköpfen, mit der Canaille kann man keine Revolution
machen, es gehört Organiſation, gehören Soldaten und — der honette
Bürger dazu. Ich ſpreche aus Intereſſe für meine Leute am Ofen
und in der Budike unten; die bekämen ſonſt zuviel Futter und
Feſtivitäten auf einmal. Es iſt mir in den neunziger Jahren ſchon
einmal deswegen die halbe Hölle krank geworden. Euch Konſervative
muß man zur Deſperation treiben, ſonſt geht es entweder gar nicht
oder zu toll. Beides taugt nichts.
Wir haben ſchon neun Uhr, brach er ab und auf; die Kaiſerdepu⸗
tation geht wirklich in die Audienz in Berlin. Es iſt Zeit für
mich. Ein paar Pietiſten und Stockpreußen, geiſtliche und weltliche
Zöpfe, habe ich zwar ſchon als Quartiermacher hinbefohlen. Es iſt
vorgeſorgt. Der letzte Hoffnungsfaden der ruhigen Teutſchen ſoll,
hoffe ich zu meiner Großmutter, reiſen, die letzte Sicherheitsklappe
des dumpfſchnaubenden Koloſſes, die Nationaleinheit, ſoll mit roman⸗
tiſchen und gottſeligen Nägeln vernietet werden. Der Hohn muß die
Konſtitutionellen übergießen, der Vincke muß erſt toll werden, der
Gagern und der melancholiſche Mathy — ich gratuliere zum Jahre
1850. Auf Wiederſehen — Citoyen!
Damit zog er ſeine Asbeſthandſchuhe an, ſchüttelte mir die Hand
wie ein Kentuckier dem Präſidenten Taylor und weg war er. — Alle
Wetter auch!


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