Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 10: Aufsätze aus verschiedenen Gebieten)
[1916]
Seite: 79
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw10/0079
I. Journaliſtiſch⸗Politiſches u. 79

eine Rundreiſe bei allen Parteien im Land und ſagte ihnen: Jetzt
gebt euch die Hände, ihr Sackermenter, und keift nicht mehr wie
Hunde und Katzen; ihr habt die Reichsverfaſſung und an der könnt
ihr alle miteinander ſatt werden und zu Leibeskräften kommen; da⸗
mit beruhigt euch! Dann ging ich nach München, Hannover und
Dresden in die Audienz und ſagte den Herren: Majeſtät, Sie wiſſen
wohl nicht, wieviel Uhr es in Deutſchland geſchlagen hat. Ziehen
Sie gefälligſt die Schuppen von Ihren Augen und bemerken Sie,
daß der Zeiger auf‚Annahme der Reichsverfaſſung' ſteht. Sie müſ⸗
ſen annehmen.“ —
„Und wenn ich da ein Licht angeſteckt hätte, ſo würde ich in allen
drei Städten die betreffenden Miniſter, die an der Sache ſchuld ſind,
auf eine ſehr unſanfte Weiſe zu ihren Miniſterien hinausdirigieren
und beſſere deutſche Leute hinſetzen.“
„Dann ginge ich nach Berlin und ſagte zum König: Majeſtät,
entſchuldigen Sie, aber Sie paſſen nicht mehr in die Zeit, wo Deutſch⸗
land einen Alten Fritz braucht. Nix für ungut, aber 's beſte wär',
wenn Sie in Ruheſtand zurückträten und es einem andern probieren
ließen, der 's Herz am rechten Fleck ſitzen hat, und der einen tüch⸗
tigen Deutſchen Kaiſer, ſo einen alten Rotbart von echtem Schrot und
Korn, abgäbe.“
„Die jetzigen preußiſchen Miniſter aber, die ließ ich zur Strafe
die ganze Reichsverfaſſung, Paragraph für Paragraph, auswendig
lernen, und dann müßten ſie dieſelbe vor dem ganzen Volk auf dem
Marktplatz zu Berlin Wort für Wort rezitative abſingen. Hierauf
könnten ſie gehen, wohin ſie wollten.“
„Dann ging ich nach Frankfurt und machte die Nationalverſamm⸗
lung etwas wärmer, wie bisher, ſo daß ſie noch vollends Kaiſer
und Reich feſtleimte, daß es für die Zukunft hält, und dann ließ
ich's große Heidelberger Faß füllen, und da müßte ein großer deut⸗
ſcher Verbrüderungstrunk getan werden, und alle politiſchen Ge⸗
fangenen würde ich amneſtieren, daß ſie auch mittrinken könnten;
und dann macht' ich ein Geſetz, daß, wer in der nächſten Zeit noch
ein Wort von Republik oder Reaktion ſpricht, drei Batzen für die
deutſche Flotte zahlen müßte.“ —
„Das wär' alles nit ſo übel,“ ſagte mein Nachbar Maier, „aber —“
„Aber es wird nichts draus,“ ſagte der Teufel vergnüglich. —
„Es wird nichts draus, ſonſt hätt' ich ja nichts mehr in Deutſchland
zu tun. Übrigens verſchwätze ich da meine beſte Zeit, ich muß noch
ein paar dringende Beſuche machen. Können Sie mir vielleicht ſa⸗


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