Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 10: Aufsätze aus verschiedenen Gebieten)
[1916]
Seite: 82
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw10/0082
82 Aufſätze aus verſchiedenen Gebieten.

für dieſe Einheit die Form geben ſoll, aber man denkt nicht daran,
den deutſchen Einheitsſinn in dem kleinen Kreiſe zu pflegen, in
dem man lebt, das Unkraut törichter Vorurteile gegen einzelne
Stände und Volksſtämme, wo es emporwuchert, mit beſonnener
Hand auszujäten, und ſo, ſtill und beharrlich, den Geiſt der Eintracht
aus⸗ und fortzubilden, ohne deſſen Inhalt die Einheits form doch nur
ein leeres, zerbrechliches Gefäß iſt. Man möchte gern in Stände⸗
kammern und auf Miniſterbänken für das Beſte des Staates tätig
ſein, aber man achtet es für geringfügig, in dem kleinen Bereiche
der Gemeinde, der man angehört, Reformen anzubahnen, Erſpa⸗
rungen zu erzielen, wohltätige Einrichtungen zu befördern. Und weil
nun nicht alle in Ständekammern ſitzen oder den Staat regieren, weil
nicht alle an dem deutſchen Verfaſſungswerke in Frankfurt mit⸗
arbeiten können, weil es endlich auch nicht anzugehen pflegt, daß
man Berge verſetzt, ſo legt ſo ein Vaterlandsfreund, der das Kleine
nicht tun will, dieweil er das Große nicht tun kann, die Hände
lieber ganz in den Schoß und tut gar nichts!
Das iſt aber ſehr ſchlimm; denn wirklich tüchtige Kräfte werden
dadurch der guten Sache entzogen, Kräfte, welche, wenn jede an
ihrer Stelle gehörig verwendet würde, durch ihr Zuſammenwirken
alsbald die günſtigſten Reſultate für das gemeine Weſen hervor⸗
bringen müßten.
Noch ſchlimmer freilich iſt es, wenn die Kraft, die für einen klei⸗
neren Wirkungskreis wie geſchaffen ſein würde, in eine höhere Sphäre
ſich eindrängt, der ſie nicht gewachſen iſt. Die Beiſpiele ſind in
neuerer Zeit zahlreich. Nicht das iſt der Schaden, daß ſo ein armer
Schlucker, welcher ſich zu hoch verſtiegen, am Ende wieder auf den
Boden zurücktaumelt, von dem er ſich erhob. Aber ehe dieſe gerechte
Strafe ihn ereilt, iſt gewöhnlich ſo mancher gute Keim in ſeinen
ungeſchickten Händen zerdrückt, ſo manche ſchwer zu heilende Wunde
der guten Sache geſchlagen worden. Man denke nur an die Wirk⸗
ſamkeit ſo manches Landtagsabgeordneten, der beſſer niemals an dem
grünen Tiſch im Ständeſaal geſeſſen hätte, an die Federfuchſerei ſo
manches Publiziſten, der den Staat mit regieren möchte, während er
kaum imſtande iſt, den eigenen Haushalt in Ordnung zu halten!
Alſo nicht die Hände in den Schoß gelegt, ſondern gearbeitet!
Aber gearbeitet da, wo wirkliche Einſicht in die Verhältniſſe ein ge⸗
lingendes Wirken möglich macht! Lieber ſolides Schaffen im be⸗
ſchränkteſten Kreiſe, als unglückliche Probiererei in den höchſten
Regionen! —


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