Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 10: Aufsätze aus verschiedenen Gebieten)
[1916]
Seite: 85
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I. Journaliſtiſch⸗Politiſches uſw. 85

oder Freiſchärler; — wer zwiſchen dieſen Gegenſätzen als ehrlicher,
vernünftiger Kerl mitten drin ſtehen will, iſt nichts und gilt nichts.
— Unſere Leute auf dem Lande machen die Fauſt im Sack und
zählen die Minuten, bis es wieder losgeht, — was und wofür, das
iſt ihnen egal, die früheren politiſchen Zwecke haben ſich in perſön⸗
liche aufgelöſt, — Befriedigung der Malice gegen die Gegner.
Und die, die jetzt wieder obenan ſind, ſpielen das alte Spiel, was
im März v. J. ganz Deutſchland zur Revolution getrieben hat, —
da regnet's Denunziationen und Orden, Ergebenheitskriechereien ge⸗
gen den preußiſchen Statthalter von Gottes Gnaden; und um die
Seelenſchäden im Volk zu heilen, werden Muckerſchriften und „in⸗
nere Miſſion“ hinausgeſendet, ganz im Sinne der höheren preußi⸗
ſchen Staatskünſtler, die jetzt in Berlin die erſte Violine blaſen.
Eine auf innere Notwendigkeit gegründete, lebenskräftige, kon⸗
ſervative Partei iſt in Baden eine Unmöglichkeit; die Reaktion läßt
ſich's wohl ſein, ſolang ſie obenan iſt und bringt ihr Schäflein ins
Trockene, um beim erſten Alarmſchuß der Revolution wieder durch⸗
zubrennen und gar nicht mehr oder mit den Ruſſen das nächſte Mal
zurückzukehren. Die alte Freiſchärlerei aber, wenn ſie je wieder,
durch die Verwicklung der Ereigniſſe, das Heft in die Hände be⸗
kommt, wird im Namen von „Wohlſtand, Bildung und Freiheit“
eine ſo gediegene Sauerei zutage fördern, daß niemand der Mund
danach wäſſern wird, — am wenigſten einem Karlsruher, denn die
ſind ſchon qua ſolche übel angeſchrieben und kriegen das nächſte Mal
das Kamiſol nicht übel verſohlt.
Und ſo ſehe ich mit einem wehmütig indolenten Gefühl der Zu⸗
kunft entgegen, die in Baden wenigſtens ſehr ſkrofulös werden wird.
Und im großen Deutſchland wird auch nichts zuſtande gebracht. Die
Verwerfung der Reichsverfaſſung trägt ihre Früchte, der alte Dy⸗
naſtienwahn verhunzt das ſchöne Land, und das Univerſalheilmittel
dagegen, die Republik, iſt unmöglich geworden durch ihre eigenen
Vertreter, die dieſen Begriff allmählich zum Synonymon von Skan⸗
dal erhoben haben. —
So zappeln wir ein paar Jahrzehnte, und dann legt ſich Deutſch⸗
land vielleicht ſchlafen, — und träumt den alten Traum weiter,
oder das nicht einmal. Oder es gibt eine große europäiſche Pau⸗
kerei, — dann ſind wir auch wieder der Menſurboden, auf dem ſie
ausgefochten wird, und kommen zu keiner ſelbſtändigen freien Ent⸗
wicklung.
Genug davon — ab! Du wirſt aus meinen Jeremiaden erſehen,


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