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I. Journaliſtiſch⸗Politiſches uſw. 87
Der liberalen Partei aber kann ich's nie und nimmermehr ver⸗
zeihen, daß ſie nicht im Mai, nach Ablehnung der Kaiſerkrone, für
die Reichsverfaſſung eine neue Revolution organiſiert und dadurch
die vielen Biedermänner, die gern den Säbel mit gezogen hätten,
in ehrenhaften Kampf geführt hat, ſondern dienendes Werkzeug der
preußiſchen Königsromantik geworden iſt, die ihnen dereinſt nur mit
Hohn und Fußtritten lohnen wird.
Und Erfurt? lieber Gott, dort wird verdammt wenig feſtgeleimt
werden; — ich glaube, wenn Preußen die kleinen rat⸗ und haltlos
ſchwankenden Staaten in den Sack geſteckt hat, dann wird es auch
das jetzt noch getriebene Kokettieren mit der ihm nützlichen, aber doch
läſtigen kleindeutſchen Einheitspartei fallen laſſen und ſich ganz ins
alte Bundestagsgeleiſe zurücbbegeben. Durch den Reichstag von Er⸗
furt wird es „hiſt!“ gezogen, durch die Bundeskommiſſion in Frank⸗
furt „hott!“ — wir wollen ſehen, welcher Zug der ſtärkere iſt. Eine
Volksvertretung ohne Steuerbewilligungsrecht und eine erbliche
Pairie ſind auch zwei ſchöne Pflanzen, die nicht im März gewachſen
Doch genug. Es ahnt mir, daß alles bis jetzt Aufgetauchte nur der
Vorbote eines großen europäiſchen Generalkrachs war, und wenn der
kommt, und wenn wirkliche Vernunft in der Geſchichte und Lebens⸗
fähigkeit in dem an ſeinem Denken alt gewordenen deutſchen Volke
iſt, ſo wird ſich auch noch ein Ausweg finden, von dem freilich in den
Heften unſerer Profeſſoren noch nichts geſchrieben ſteht. Der deutſche
Napoleon iſt wenigſtens noch nicht dageweſen; und man wird viel⸗
leicht einſtmals darüber lachen, daß wir jahrelang uns abgequält
haben, den gordiſchen Knoten durch Reden und Schreiben aufzzulöſen
und trotz unſerer profunden Geſchichtsſtudien vergeſſen, daß er nur
durchs Schwert gelöſt werden kann.
Freilich, wenn man hinter Folianten und Akten und in einer
vielhundertjährigen Kultur dürr und lahm geworden iſt, denkt man
nicht mehr an die unparlamentariſchen Kraftmittel des jungen Man⸗
nes aus Makedonien!...
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