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II. Biographiſches. 95
Alle Zweifel am Kern ſeiner Geſinnung durch eine vaterländiſche
Leiſtung in gleich großem Stil beſeitigend, entwarf er in den näch⸗
ſten Jahren nach ſorgſamen Vorſtudien die „Zerſtörung von Heidel⸗
berg durch die Franzoſen unter Melac im Jahre 1689“. Die paſ⸗
ſend gewählte Architektur, das Schloß und der Renaiſſancebau „zum
Ritter“ in der Hauptſtraße, — der inmitten ſeiner gewaffneten
Mordbrenner in Rauch und Dampf auf ſchwarzem Roß dämoniſch
einherſprengende Melac, die in wilder Bedrängnis flüchtende oder
Schonung flehende oder in Zorn auflodernde Bürgerſchaft bilden ein
Ganzes von leidenſchaftlicher Bewegung. Die Ausſtellung des Bildes
rief eine förmliche Wanderung der Bevölkerung nach dem ſonſt nicht
ſehr der Malerei huldigenden Heidelberg, und ſchon mancher hat,
nachdem im Frühſommer 1870 Ludwig des Vierzehnten unmenſch⸗
liche Androhung: „die Pfalz zu verbrennen“ (de brùler le Palatinat)
durch den ehrenwerten Herzog von Grammont mit dem Beiſatz „und
ſelbſt die Frauen nicht zu ſchonen“ erneuert wurde, in der weiblichen
Figur des Vordergrundes, die mit geballter Fauſt auf die Mord⸗
brenner des Himmels Rache niederruft, eine von Künſtlerahnung
verkörperte deutſche Vorausſage unſerer blutigen Abrechnung mit
den Pfalzverwüſtern zu erſchauen vermeint. Das mächtige Bild,
1856 vollendet, nimmt im großen Mittelſaal der Karlsruher Galerie
die ganze Rückwand ein. In Holzſchnitt vervielfältigt iſt es bei L.
Meder in Heidelberg ein populärer Bilderbogen.
Schon im Jahre 1857 folgte für die gleiche Galerie ein nicht
minder großes Bild: „Königin Eleonore von Schweden am Sarge
Guſtav Adolphs zu Weißenfels“, abermals eine Illuſtration zu
Schillers: „jetzt tritt die Liebe in ihre Rechte ein und milde Tränen
fließen um den Menſchen; von dem betäubenden Schlag wie beſin⸗
nungslos ſtehen die Anführer in dumpfer Erſtarrung um ſeine
Bahre, keiner getraut ſich den ganzen Umfang des Verluſtes zu den⸗
ken .. .“, von Kennern ob edler Würde des Ausdrucks und Kraft
der Farbe belobt, aber trotz oder vielmehr gerade wegen der Größe
der Figuren von einer gewiſſen Kälte und Trockenheit, welche das
einſt ſo jugendlich ſprühende Feuer von Piccolominis Tod als er⸗
löſchend beklagen macht. Sachverſtändige haben darauf hingewieſen,
daß auf dieſe großen Dimenſionen der neueren Bilder und ein ſtär⸗
ker auftretendes theatraliſches Element das Beiſpiel Kaulbachs einen
nicht günſtigen Einfluß ausgeübt, da die Leichtigkeit und gewiſſer⸗
maßen Flüchtigkeit maleriſcher Behandlung gerade bei lebensgroßen
Figuren am ſtärkſten zutage treten muß.
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