http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw10/0102
102 Aufſätze aus verſchiedenen Gebieten.
daß, wenn unſer Auge bricht und unſer Werkſtück der ſterbenden
Hand entſinkt, daß es von verwandter Hand aufgenommen und
weiter gefördert wird zum Ausbau der geiſtigen Macht der Nation!“
Anhang: Feodor Dietz und ſein Bild: Der Tod
der 400 Pforzheimer.
Mannigfaltig und auseinandergehend ſind die Richtungen d der mo⸗
dernen Kunſt.
Während im Mittelalter, wo der Geiſt vorzugsweiſe und faſt aus⸗
ſchließlich im religiöſen Gebiet zum Bewußtſein und zur Entfaltung
gekommen war, die bildenden Künſte im Dienſt der Kirche eine
höhere zuſammenfaſſende Einheit fanden: iſt längſt die Trennung
eingetreten; die Malerei hat ſich nicht nur von der Architektur, von
den Wänden der Kirchen, die ihre urſprüngliche und ausſchließliche
Heimat waren, abgelöſt, ſondern ſie hat ſich auch in ſich ſelbſt er⸗
weitert, und all den reichen Stoff unſeres Lebens in den Kreis
ihrer Darſtellungen aufgenommen. Landſchafts⸗, Genre⸗ und nicht⸗
religiöſe Hiſtorienmalerei ſind die Erzeugniſſe des neuen Kunſtbe⸗
ſtrebens in der Malerei und haben die mannigfachſten Kräfte zu
einem rührigen und werktätigen Leben entwickelt, das die freudigſten
Hoffnungen für die Zukunft deutſcher Kunſt erweckt. — Aber noch
iſt der Künſtler ſelbſt zum Teil unentſchieden, in welcher ihrer ver⸗
ſchiedenen Richtungen die Malerei unſerer Zeit vorzüglich zu wirken
und ihre zu unſerm ganzen Daſein ſo bedeutende Stellung einzu⸗
nehmen habe. Während ein Teil derer, die rüſtig mitgearbeitet
haben, der deutſchen Malerei einen neuen Aufſchwung zu geben,
nur in einem Zurückgehen auf den Ideenkreis, die Stilprinzipien
und Darſtellungsweiſe der erſten mittelalterlichen Meiſter die Auf⸗
gabe des modernen Malers ſehen, und z. B. mit Overbeck ſelbſt
Raffael für allzu heidniſch und üppig erklären, glauben andere, die
Kunſt müſſe ſich der politiſchen und ſozialen Frage des Tages be⸗
mächtigen, um ſie zum Bewußtſein des Volkes zu bringen, und
liefern, wie Hübner in Düſſeldorf in ſeinem bekannten „Jagdrecht“,
gemalte Zeitungsartikel.
Man möcgchte faſt ſagen, daß die Künſtler unſerer weſtlichen Nach⸗
barländer, ohne, wie der Deutſche, ſoviel nachzudenken und zu re⸗
flektieren über Weſen und Aufgabe der Kunſt, doch mit ſicherem
Takte den rechten Weg eingeſchlagen haben. Warum iſt Horace
Vernet der Lieblingsmaler des franzöſiſchen Volkes geworden?
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw10/0102