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II. Biographiſches. 105
Kampf; in eng geſchloſſenen Reihen rücken die ſtämmigen Bürger
noch einmal gegen die Tillyſchen Reiter, ein trotzig blickender Schütze
feuert die letzte Kanone ab, die ihnen geblieben; ein Anführer
hoch zu Roß mahnt mit geſchwungenem Degen an die Pflicht. Aber
die Reihen ſind ſchon gelichtet und alles, was noch ſtreitbar gegen
den Feind kämpft, ſieht einem ſichern Untergang entgegen.
Dieſen Tod ſcheuen die Streiter nicht, aber ehe er ſie erreicht,
muß ihnen die Beruhigung und der Troſt werden, daß ſie nicht um⸗
ſonſt ihr Leben zum Opfer brachten, daß die Sache, in deren Dienſt
ſie untergehen, gerade durch ihren Tod gerettet iſt. Dieſer Ge⸗
danke bildet den Mittelpunkt, die leitende und mit aller Verwü⸗
ſtung der Schlacht verſöhnende Idee des ganzen Bildes; dahin drän⸗
gen die einzelnen Geſtalten und Gruppierungen.
Darum ſehen wir in weiter Ferne den Neckar und jenſeits eine
kleine verſprengte Reiterſchar; in ihrer Mitte der Markgraf. Sie
haben einen Reitersmann entſendet, dem Reſte der Vierhundert die
Kunde ihrer Rettung zu bringen, der kommt eben auf das Schlachtfeld
angeſprengt; der alte ehrwürdige Bürgermeiſter von Pforzheim, der
trotz ſeiner weißen Locken an der Spitze ſeiner Getreuen focht, wird
nun ſterbend von zwei ſelbſt verwundeten Kämpfern — einem ge⸗
waltigen Hufſchmied, dem man an jedem Zug ſeines Geſichts an⸗
ſieht, daß ſchon mancher Tillyſche Söldner unter ſeinen Streichen
fiel, und einem hohen Offizier mit verbundenem Haupte — auf
einer Partiſane ſitzend, hergetragen, um die Kunde vom geretteten
Markgrafen zu vernehmen. Der angeſprenate Reiter deutet nach
dem Fluſſe hin, den der Markgraf überſchritten hat, und was er
meldet, richtet wie ein elektriſcher Schlag die Schwerverwundeten
tröſtend noch einmal auf. Ein Hauptmann ſtemmttf ſich mit letzter
Kraft noch in die Knie und weiſt dem alten Bürgermeiſter mit weh⸗
mütig männlichem Ausdruck in die Ferne: hinter einem erſchlagenen
Roſſe, mitten aus Leichen hervor, ſchauen zwei, ſich gegenſeitig
ſtützend und mit vorgehaltener Hand mühevoll die Sonne von den
matten Augen abwehrend, als wäre ihnen in ihrem Todesſchmerze
noch des Glanzes und der Freude zuviel widerfahren. Neben ihnen
leckt ein mächtiger Hund gar eifrig und trauernd die Wunden ſeines
toten Herrn, als wolle er ihn nur für dieſen Augenblick noch ein⸗
mal ins Leben emporſchütteln. Der Fähndrich, der bisher mit ſter⸗
bender Hand noch die Fahne feſtgehalten, ſinkt jetzt nieder; er weiß,
daß das Banner, was er ſelbſt ſo keck geſchwungen, von den Ge⸗
retteten wieder erkämpft und dereinſt wieder ſiegreich in den Lüften
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