Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 10: Aufsätze aus verschiedenen Gebieten)
[1916]
Seite: 106
(PDF, 47 MB)
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106 Aufſätze aus verſchiedenen Gebieten.

flattern wird; da kann er es jetzt ruhig ſeinen Händen entgleiten
laſſen.
Der alte Bürgermeiſter aber faltet die Hände und hebt die Augen
dankend hinaus nach dem Neckar hin, und er achtet nicht die Leichen
ringsum und den jugendlichen Erſchlagenen zu ſeinen Füßen —
vielleicht ſein eigener Sohn —; mitten im Gewühl der Feldſchlacht
kommt ein erhabener Friede über ihn; es iſt, als ob er mit Simeon
ſagen wollte: „Herr! nun läſſeſt du deinen Diener in Frieden
fahren, denn ſeine Augen haben das Heil geſehen!“ und die Abend⸗
ſonne verklärt die Heldenſiege des Greiſen, es ſteht deutlich in
ihnen geſchrieben, daß aus dem Boden, den auch er mit ſeinem
Blute getränkt hat, dereinſt eine friſche Saat hervorſproſſen werde,
die kein Wüten und Hufſchlag Tillyſcher Reiter mehr zerſtört.
In dieſer Hauptgruppe hat das Bild ſeine tiefe ſittliche Be⸗
deutung.
Wir werden entrückt dem Toſen der Schlacht, den Toten und
Sterbenden zu allgemeiner geiſtiger Betrachtung. Das eben iſt das
Bedeutende der wahren hiſtoriſchen Bilder, daß ſie in den einzelnen
Ereigniſſen in Leid oder Freude des Augenblicks hinweiſen auf
das Walten der Weltordnung, die ſich in all dem wilden ein⸗
zelnen Treiben ausſpricht. Wir müſſen uns fragen: Was iſt es, daß
dieſe ſterbenden Fechter ein ſo ruhiges, verklärtes Bewußtſein mit
in den Tod nehmen läßt.
Gewiß nur die Überzeugung, in treuer Pflichterfüllung für eine
gerechte Sache zu fallen.
Und inſofern können wir aus dem Bilde auch für unſere Tage
einen hohen geſchichtlichen Ernſt entnehmen. Die vierhundert Pforz⸗
heimer hatten die Sache des Proteſtantismus für die wahre erkannt,
und ſtanden gegen Kaiſer und Reich mit ihrem Leben dafür ein;
ihre Sache aber war geknüpft an die Perſon ihres Fürſten, und es
iſt zunächſt die Freude über deſſen Rettung, die ſie ſo ruhig ſterben
läßt; aber wir müſſen einen tiefern, über die Perſon des Fürſten
hinausgehenden Zug darin erkennen. Ihr Fürſt erſcheint ihnen als
der lebendige Träger aller Beſtrebungen und Prinzipien ſeines Vol⸗
kes, als Vorfechter desſelben, darum ſehen die ſterbenden Vierhundert
in ihm zugleich die Sache ſelbſt gerettet. Die Darſtellung ihres Hel⸗
dentodes aber erweckt jedenfalls im Beſchauenden die Anregung,
die Prinzipien, die er für wahr und vernünftig hält, auch wenn
er ſie nicht mehr an eine einzelne Perſon knüpft, mit ſeinem Herz⸗
blut in der Wirklichkeit zu verfechten; und die Zeit könnte nicht fern


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