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II. Biographiſches. 107
ſein⸗ vo der Deutſche eine ſolche Anregung in lebhaftem Maße
edarf.
Doch wenden wir uns zu unſerm Bilde zurück. Wie ſinnig der
Geiſt des Künſtlers bei der Kompoſition gewaltet und das allgemeine
Geſetz feſtgehalten hat, in den mannigfaltigſten Situationen die eine
Grundvorſtellung durchzuführen und auf ſie zurückzuweiſen: zeigt die
Gruppe auf der linken Seite des Vordergrundes.
Da liegt todwund einer aus der Pforzheimer Schar, das Haupt
gebettet auf die Trommel, die er vielleicht ſelbſt gerührt im Streite
und über ihn beugt ſich die Marketenderin, ſeine Liebſte, eine präch⸗
tige Frauengeſtalt, mit tränendem Auge und ruft ihm die Kunde von
des Markgrafen Rettung zu und weiſt hin nach dem Boten, der
ſie gebracht; aber der arme blonde Geſelle kann ſein Haupt nicht
mehr dahin wenden, dagegen ſchaut er ſo treu und gläubig hinauf
nach ſeiner Liebſten, daß man ſieht, er hat ſie verſtanden und
dankt ihr für ihre Liebe, die ihm wohl noch vor kurzem den ſtärkenden
Trunk gereicht für die Schlacht, die ihn auch jetzt ſtärket zum Tode.
Hier hat der Künſtler mit tiefem Pathos gezeigt, wie das große
Trauerſpiel, das er uns vorführt, in zwei liebenden Menſchenſee⸗
len eine beſondere Verwirklichung findet. Wie ſchwer fällt es dem
Verwundeten, ſo jung und ſo geliebt aus der Welt gehen zu müſ⸗
ſen! — Und die Maid iſt in ihm um ihr Eins und Alles beraubt!
Er war ihr Markgraf, ihr Volk und ihr tränenſchweres Auge ruft
um Rache gegen die Feinde, nicht weil ſie andern Glauben, andere
Herrſchaft verfechten, ſondern weil ſie ihr Teuerſtes erſchlugen; aber
der egoiſtiſche Jammer hört auf bei dem Anteil an der freudigen
Botſchaft, die allen geworden, und dieſe unglückliche Liebe erhält
eben dadurch, daß ſie trotz des größten Schmerzes um den Einzelnen
doch hinweiſt auf das erhebende Allgemeine, ihre Weihe und ihre
Verklärung.
Nach dieſem Überblick über die Anordnung und die Hauptgeſtalten
des Bildes brauchen wir wohl nicht weiter auszuführen, mit welch
dramatiſchem Sinn der Meiſter ſeine Aufgabe gelöſt hat. Das ganze
bezeugt einen Geiſt, deſſen Kunſtausübung keine unbewußte, in⸗
ſtinktartige iſt, ſondern aus dem ein klares Bewußtſein über Art und
Weiſe ſeines Schaffens ſpricht.
Der inneren Durchdachtheit entſpricht aber die äußere techniſche
Ausführung. Die Geſtalten ſind tüchtig modelliert, die Formen
durchgebildet, die Köpfe von energiſcher, individueller Charakteri⸗
ſierung.
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