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II. Biographiſches. 109
„Dreimal trank ich euch zum Wohle
Ewig junge Künſtlerwelt,
Habe drauf auch vor Verlangen
Das geleerte Glas zerſchellt.
Von der Pyramide Stufen
Sprang's zerſchmettert in die Luft,
Und der Geiſt des großen Chuſu
Zuckte drunten in der Gruft.“
Ein Hauch altägyptiſchen Zaubers umwebte von dort ab jenes
Pyramidenerſteigers Leben, das den Wundern und Sphinxrätſeln des
Morgenlandes, der Erforſchung der älteſten Kultur und der freund⸗
lichen Verbindung der Altertumswiſſenſchaft mit der bildenden Kunſt
zugewendet blieb. Am 24. Juli 1869 aber umſtand eine Schar
ernſter Männer ein offenes Grab im rauhen Kiesgrunde des neuen
Münchener Friedhofes; ein warmer Nachruf und drei Schollen ſteini⸗
ger deutſcher Erde waren der letzte Gruß, mit welchem Verwandte
und Freunde vom Sarge des nun im Frieden Gottes von leiblichen
und geiſtigen Pilgerfahrten allzu früh Ausraſtenden Abſchied nah⸗
men. Als Kranz und Ehrengedächtnis an Julius Brauns friſches
Grab möchten dieſe Zeilen dem Wunſche vieler, die den Verewigten
auf ſeinen Reiſen, durch ſeine Vorträge und durch ſeine Werke kennen
und ehren lernten, entſprechen, und ſein Lebensbild, den Gang ſeines
Schaffens und die Bedeutung ſeiner Leiſtungen kurz verzeichnen.
Julius Braun ward geboren 1825 zu Karlsruhe, wo er im Hauſe
des Kirchenrats Baer Erziehung und an dem mit tüchtigen Leh⸗
rern beſetzten Lyzeum Heranbildung zu künftigem Berufe fand. Die
mit ihm im Herbſt 1843 zur Univerſität abgegangenen Schulgenoſ⸗
ſen bewahren ihrem durch Geſtalt, reiche Phantaſie und ungeſtümes
Weſen ſchon als Knabe eigentümlichen „langen Braun“ ein den
Tod überdauerndes Andenken. L
Dem Studium der evangeliſchen Theologie ſich beſtimmend, bezog
er die Hochſchule Heidelberg, hörte die Vorträge von Ullmann, Um⸗
breit, Rothe, und machte ſich mit Eduard Röths damals mächtig
auf die ſtudierende Jugend wirkender Geſchichte der abendländiſchen
Philoſophie vertraut. In Berlin gewannen kunſtgeſchichtliche und
ſprachwiſſenſchaftliche Studien das Übergewicht über die Theologie;
1848 ward in Karlsruhe eine philologiſche Staatsprüfung be⸗
ſtanden, zu pädagogiſcher Tätigkeit aber war dieſe in die Weite und
Ferne ſtrebende, Schwieriges mit Vergnügen aufſuchende, Herkömm⸗
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