http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw10/0110
110 Aufſätze aus verſchiedenen Gebieten.
liches wenig beachtende, mit Künſtlerauge in die Welt ſchauende
Natur nicht angelegt. Sein Verlangen war, ſich als akademiſcher
Lehrer ganz der Altertumskunde zu widmen. Den durch den Fleiß
von Jahrhunderten gewonnenen Wiſſensſtoff ſichern Blicks über⸗
ſchauend, überzeugte er ſich, daß alle Einzelforſchung eine befangene
bleibe, wenn nicht die Entwicklungsgeſchichte der Menſchheit als
eine einheitliche aufgefaßt wird, und daß der Verſuch gewagt wer⸗
den könne und dürfe, den Kulturzuſammenhang aller alten Völker
nachzuweiſen. Nicht minder überzeugt, daß ſolche Arbeit nur ge⸗
lingen könne, wenn der moderne Forſcher gleich den Altmeiſtern
helleniſchen Wiſſens, Herodot und Pythagoras, mit eigenen Augen
den Quellen ägyptiſcher und aſiatiſcher Weisheit in ihrer Heimat
nachſpüre, beſchloß er vor ſeiner Habilitierung eine große Fahrt in
die Länder der alten Kultur. Als dazu ermunternder Freund darf der
vor wenigen Jahren verſtorbene Graf W. von Reichenbach⸗Leſſonitz
nicht unerwähnt bleiben. „Das, was ich will und kann, das muß
auch werden; Hemmniſſe gibt's dem Mann wenig auf Erden!“ ſprach
der fünfundzwanzigjährige Doktor der Philoſophie, als er 1850 den
damals durchaus nicht erquicklichen Boden des Vaterlands verließ.
Er fühlte „jenen Tropfen Himmelstau in ſich, der zu Taten treibt.“
Raſch ging's nach Italien, wo der Zauber der ewigen Roma, jenes
„Etwas, das der römiſche Boden ausſtrömt“, volle Wirkung übte,
und die Gräber in den Tuff⸗Felſen von Cervetri die Geheimniſſe
von Cäre und des etruskiſch pelasgiſchen Altertums aufwieſen, dann
nach Sizilien, wo Stadt um Stadt, Tempel um Tempel durch⸗
ſtudiert wurde, bis eine Rundſchau von des Ätna verſchneitem Kra⸗
terrande die prachtvollen Eindrücke der Inſelwanderung würdig ab⸗
ſchloß. Der Winter 1850 fand den Unermüdlichen in AÄAgypten; als
gutes und mild die Seele rührendes Zeichen ging dem Nordländer
das ungekannte Geſtirn Kanopus auf und leuchtete auf den Flug⸗
ſand der Pyramidenfelder, auf die vielwöchige Nilfahrt, und in
die kühlen, bei den Sphinx⸗Alleen und Königskoloſſen und Rieſen⸗
hallen von Luxor und Karnak und Medinet Habu wach durch⸗
träumten Mondnächte.
Mit dem lange nicht gekannten Gefühl ſtillſten Naturfriedens,
fern allem europäiſchen Hader, erquickte den bis zu Herodots AÄAthi⸗
open Vorgedrungenen die ſchöne Tempelinſel Philä, die ihre offenen
Säulengänge und Palmen in einem ſtillen See ſpiegelt. Es iſt der
Nil, der vor dem Wageſtück des Kataraktengangs noch zu bangen
ſcheint. Der Anblick iſt nicht eben farbenreich: dieſe hellgelbe goldene
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw10/0110