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II. Biographiſches. 121
Das Werk iſt vergleichende Archäologie, die Entwicklung der Kunſt
von Volk zu Volk, auf dem Boden der Landeskunde und der Kennt⸗
nis aller vorhandenen Reſte in Form einer idealen Reiſe, die den
Leſer überall an Ort und Stelle vor die Denkmale ſelbſt hinführt.
Wegen dieſer Form, welcher Fachmänner die altherkömmliche Ein⸗
teilung in Kapitel und Paragraphen vorzuziehen pflegen, iſt es
noch nicht in all diejenigen Kreiſe gedrungen, die es ſowohl leſen
als anſchaffen ſollten, um die Fülle gebotenen Inhalts zu würdigen
und weiter zu verwerten. Gegenüber einer noch vielfach ſpukenden
ſpekulativen Auffaſſung, welche in jedem Bauſtil den unverkennbaren
Ausdruck eines Nationalcharakters finden will, ſtellt Julius Braun,
überzeugt, daß beſagte Spekulation „weder die Bauſtile noch die
Nationalcharaktere kennt“, als ſeinen Ausgangspunkt und als ein⸗
zige Philoſophie der Kulturgeſchichte den Satz auf: „Jede Nation
kopiert von ihrem in der Kultur vorgeſchrittenen Nachbar ſoviel
ſie nur immer kopieren kann, und eine originale Kultur kann
niemals aufkommen, wenn eine andere entwickelte bereits daneben
liegt.“
Um gleiches Geſetz auch in der Religionsgeſchichte der alten Welt
nachzuweiſen, und in die chaotiſche Mannigfaltigkeit ihrer Götter
und Mythenbildungen einen unlöſchbaren Lichtſtrahl leuchten zu
laſſen, unternahm und vollbrachte der unverdroſſene Forſcher die
herkuliſche Arbeit ſeiner „Naturgeſchichte der Sage. Rückführung
aller religiöſen Ideen, Sagen, Syſteme auf ihren gemeinſamen
Stammbaum und ihre letzte Wurzel. München, in Fr. Bruckmanns
Verlag, 1864 und 1865, zwei Bände.“ Vorbereitend waren 1861
in der Zeitſchrift „Ausland“ vorausgeeilt die „Unterſuchungen über
die älteſten bibliſchen Sagen, ihren Verbreitungskreis und ihre Her⸗
kunft“, und zwar die Flutſage, die Sage vom babyloniſchen Turm
und die Sage vom Paradies.
Mit nüchtern hiſtoriſcher Vergleichung und ſchärfſter Beſtimmtheit
verwirklichte Braun, — und zwar nicht mehr in Übereinſtimmung mit
den von ihm ſonſt vielfach beſtätigten Annahmen ſeines Vorgän⸗
gers E. Röth — ſeinen Plan „aufzuzeigen, daß die menſchliche
Kultur nicht an zwei verſchiedenen Plätzen (etwa in Agypten und
Inneraſien, wie bisher üblich) oder gar noch von mehreren von
vorn anfing, ſondern daß der Menſchheit geiſtiges Grundkapital
im älteſten Kulturſitz, in Agypten, in allem Weſentlichen ſchon vor⸗
handen war, und von dort hiſtoriſch weitergeſchoben wurde nach
Chaldäa, von Chaldäa aber ſowohl nach Indien als nach dem euro⸗
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