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132 Aufſätze aus verſchiedenen Gebieten.
rallel mit dem großen Rhein, floß in einem Netz vielverſchlungener
Arme, deren Linie heute noch erkennbar iſt, ein jetzt verſchwundener
zweiter Rhein, zur Zeit der Römer ein ſchiffbarer, von einem Be⸗
feſtigungsſyſtem von kleinen Tiefburgen (Muggenſturm, Rüppurr,
Staffort, Altenburg, Kislau, St. Leon, Werſau) — ſtark gedeckter
Strom. Die Überſchwemmungen zwiſchen Beiertheim und Karls⸗
ruhe, ehedem bis Gottesau und weiter ſich ausdehnend, in Winters⸗
zeit der fröhliche Tummelplatz ſchlittſchuhlaufender Jugend, geben
das Bild eines Armes dieſes Stromes (fluentis lacunae, wie der
Stiftungsbrief von Gottesau vom Jahr 1110 ihn nennt), während
der von mächtigen Eichen beſäumte Weg von Karlsruhe nach Beiert⸗
heim auf deſſen verflachtem Hochgeſtade hinzieht. Der Karlsruher
Bahnhof liegt in dem alten Strombett. Alle Wieſengelände, Sümpfe,
Brüche und Riede zwiſchen der Hard und dem Gebirge ſind Teile
des Flußbettes dieſes hier ſtark ſtrömenden, dort breit ſtagnieren⸗
den öſtlichen Altrheins; die Städte Bruchſal und Durlach liegen
dicht, die Stadt Ettlingen nahe an dem ehemaligen rechten Ufer des⸗
ſelben, das Dorf Hagsfeld am linken Ufer, die Kirche burgartig auf
einer Inſel. Ebenfalls auf ehemaligen Inſeln oder Halbinſeln die⸗
ſes jetzt nur noch zuweilen durch feuchte Nebel über dem ausgetrock⸗
neten Boden angedeuteten Gewäſſers liegen in der Nähe von Karls⸗
ruhe das Schloß Scheibenhard, die Orte Büchig, Aue bei Durlach,
Rüppurr und Bulach. An die Bedeutung dieſer Waſſerlinie erin⸗
nerte man ſich noch während des polniſchen Sukzeſſionskrieges. Im
Jahr 1735 mußte auf Befehl des deutſchen Oberfeldherrn durch
Maſſen aufgebotener Bauern die Alb von Ettlingen her in die
Pfinz bei Durlach geleitet und letztere zugedämmt werden. Dadurch
wurde alles Land zwiſchen Ettlingen, Bruchſal und Philippsburg
unter Waſſer geſetzt. Im Überſchwemmungsgebiet dieſes und des
großen Rheines gedieh. Sumpf und feuchter Urwald, von Rudeln
von Wildſchweinen und Herden wilder Ochſen durchwühlt, von Rei⸗
hern befiſcht und zahlloſen Schwimmvögeln, in deren Reihen der
Singſchwan nicht fehlte, durchſchwommen. Um die Ulmen, Erlen
und Eſchen dieſer Rheinwälder rankten die Gewinde des wilden
Hopfens und der wilden Rebe. Wer zuerſt den Mut hatte, in dieſer
dem Waſſerwaldgott Silvanus dienſtbaren Landſchaft auf trockenem
Uferrand oder ſonnigen Vorhügeln ſich niederzulaſſen und der Un⸗
gunſt rauher Natur die Bedingungen menſchlichen Lebens abzuge⸗
winnen, iſt nicht bekannt. Unter der Herrſchaft der Römer war ſie
Beſtandteil ihres rechtsrheiniſchen Vorlandes, der agri decumates,
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