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II. Lokalgeſchichtliches. 139
tesau Ruine, bis Markgraf Carl Wilhelm das Schloß mit verſchie⸗
denen Meiereigebäuden wiederherſtellte; 1740 wurde der alte drei⸗
ſtöckige Hauptbau im Rokokoſtil neu hergerichtet und die vorher ſpitz⸗
dachigen fünf Eck⸗ und Stiegentürme mit runden Kuppeln verſehen.
Die Gebäude dienten zu einer landwirtſchaftlichen Anſtalt, welche
beſonders Schäferei betrieb; 1818 aber wurden ſie in eine Kaſerne
verwandelt und der Aufnahme der großherzoglichen Artilleriebrigade
beſtimmt. Erweiterter Bedarf an Räumlichkeit hat an dieſer viel⸗
leicht ſchon von den Römern als Vorwerk benutzten, nachmals der
ecclesia militans gehörigen Augia Dei nunmehr umfangreiche mili⸗
täriſche Neubauten veranlaßt, 1869 von Militärbaumeiſter Baurat
Hochſtetter nach ſeinen Entwürfen vollendet.
2. Die Stadt in geſchichtlicher und baugeſchichtlicher
Entwicklung.
A. Die Zeit der Gründung *) (1715—1738).
„Anno 1715 war ich ein Wald, der wilden
Thiere Aufenthalt. Ein Liebhaber der Ruhe
wollte hier in der Stille die Zeit vertreiben,
in Betrachtung der Creatur, die Eitelkeit ver⸗
achtend, den Schöpfer recht verehren. Allein
das Volk kam auch herbei, baute was du hier
ſieheſt. Alſo keine Ruhe, ſo lange die Sonne
glänzet, als allein in Gott zu finden, welche
du, wann du nur willſt, auch mitten in der
Welt genießen kannſt. Anno 1728.“
Aufſchrift am Portale des ehe⸗
maligen Schloſſes.
Die Stadt Karlsruhe hat ihren Beſuchern weder antike Tempel⸗
trümmer, noch romantiſche Kloſterhallen, weder gotiſche Dome, noch
kühne Renaiſſancepaläſte als Denkmale weit zurückreichender Ver⸗
gangenheit aufzuweiſen. Sie iſt ein Kind des 18. Jahrhunderts,
fürſtlicher Laune und des Rokokogeſchmackes, welcher damals, den
Vorbildern Louis XIV. und ſeines Baumeiſters Manſard ſich ge⸗
horſam fügend auf deutſchem Boden, ſo manches Mon bijon und
Mon repos und Sans ſouci in das Leben rief. Am 17. Juni 1870
feiert die Stadt ihren einhundertfünfundfünfzigſten Geburtstag und
bewahrt von allem, was ſich in ihrer Jugend Jahr um Jahr zuge⸗
*) S. J. Bader, Badenia, I. Jahrgang 18389: „Die Gründung und Auf⸗
nahme von Karlsruhe.“ —
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