http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw10/0143
III. Lokalgeſchichtliches. 143
ſtattlichen Theater⸗ und Ballhauſe; gegen Weſten aus einem weiten
Tafelſaale mit den nötigen Nebenräumen, und dazwiſchen aus den
beſonderen Gemächern des Markgrafen, welche ein Audienz⸗ und
Garderobezimmer, einen Bibliothekſaal und die am 31. Oktober
1717 eingeweihte Hofkirche (templum aulicum, concameratum un-
dique et in cirulum dueto Odéo illustre) enthielten. Vor dem Schloſſe
legte man den fürſtlichen Garten an, deſſen Reichtum an ſeltenen
Blumen, namentlich an Tulpen, unter der Pflege des trefflichen
Direktors (ceparchus) Sievert, ſchon alle ähnlichen Gärten auf weit⸗
hin übertrifft. Dem Schloſſe gegenüber zwiſchen den 9 ſüdlichen
Radien, wurde die Stadt begonnen. Sie erhielt dadurch die Geſtalt
eines ausgeſpannten Sonnenfächers. Die vorderſte im Halbzirkel
erbaute Häuſerreihe erhielt Arkaden, worunter man geſchützt vor
Sonne und Regen von einer Stadtecke zur andern wandeln kann.
Die Rückſeite dieſer Häuſerquadrate läuft parallel mit der vordern,
während die nächſten Quartiergevierte auf die gerade, ſtreng von
Oſten gegen Weſten ziehende Hauptſtraße (eam vocamus ex na-
tura sua longum vicum, vulgus, Mühlbergensem, quod inde recta
Mühlbergam contenditur) ſtoßen, hinter deren ſüdlicher Häuſer⸗
reihe ſich die Bauplätze im Gartenland, Feld und Wald verlieren.
Mitten an der langen Straße erhebt ſich freiſtehend die Stadt⸗
kirche, welche links das Gymnaſiumsgebäude und die reformierte
Kirche, rechts aber das Stadthaus und den Bauplatz für eine katho⸗
liſche Kirche zur Seite hat.“
Karlsruhe entſtund alſo, gleich mancher amerikaniſchen Stadt,
aus einem Walde, auf dem Grund und Boden kleiner Wieſen und
ausgeſtockter Eichenplätze. Kaum drei Monate nach Grundſteinlegung
des Schloſſes Karolsruhe erſchien öffentlich ein gedruckter Aufruf zur
haushäblichen Niederlaſſung bei demſelben, mit einem Entwurfe der
Freiheiten und Vergünſtigungen, deren ſich die künftige Gemeine zu
erfreuen habe.
Wir ſchalten dieſen erſten „Baugnadenbrief“, welcher gewiſſer⸗
maßen den urkundlichen Grundſtein für die ſtädtiſche Anſiedelung
bildet, wortgetreu ein:
„Kurzer Begriff aller derer Freiheiten, Privilegien und ſonder⸗
barer Begnadigungen wormit der Durchlauchtigſte Fürſt und Herr,
Herr Carl, Markgraf zu Baden und Hochberg, Landgraf zu Sauſen⸗
berg, Graf zu Sponheim und Eberſtein, Herr zu Rötelen, Baden⸗
weiler, Lahr und Mahlberg etc. der Röm. Kayſerl. und Königl.
Cathol. Mayeſtät wie auch des Löbl. Schwäbiſchen Crayſes beſtellter
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw10/0143