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III. Lokalgeſchichtliches. 159
ſtentümer, Graf⸗ und Herrſchaften zu einem unteilbaren ſouve⸗
ränen Staat und Großherzogtum erklärte.
Bis auf den heutigen Tag iſt das Großherzogtum Baden in die⸗
ſem Territorialbeſtand verblieben.
Die Grundſätze, nach denen ſeit 1746 der „fürſtliche Weiſe“, wie
ihn Klopſtock nannte, in beſcheidenen wie in größeren Verhältniſſen
„gemeſſen und ſtätig“ ſeine Aufgaben zu löſen ſuchte, ſind bekannt.
Es war die Zeit der Philanthropie und Phyſiokratie, der hausväter⸗
lich erziehenden Land⸗ und Leuteverbeſſerung, der aufklärenden und
aufgeklärten Hofdekrete. „Nöge Tugend, Religion und Ehre uns
zu einem freien, opulenten, geſitteten, chriſtlichen Volk
noch immer mehr heranwachſen machen, das iſt mein Verlangen;
dieß ſind meine Wünſche!“ antwortete er eigenhändig am 19. Sep⸗
tember 1783 auf die Dankſagungen nach Aufhebung der Leibeigen⸗
ſchaft und anderer drückender Reſte alter Roheit; „ſeid fleißig“,
mahnte er, „ſeid tapfer, liebet Euer Vaterland; ſeid ſparſam ohne
Geiz; gibt Euch Gott Reichtum, ſo verſchwendet ihn nicht in Üppig⸗
keit; laſſet den ſchon eingeſchlichenen Luxus nicht weiter einreißen;
er ſchadet noch mehr dadurch, daß er die Sitten verdirbt als da⸗
durch, daß er der Habe wehe tut; ſeid lieber tugendhaft und arm als
laſterhaft und reich. Erziehet Euere Kinder zur Tugend, lehret ſie
wahrhaft ſein und die Lügen haſſen; gehet ihnen mit guten Beiſpielen
voran, es iſt hohe Pflicht, Gott fordert's von Euch, Ihr ſeid es
Euern Kindern, Euch ſelbſt, Eurem Vaterlande ſchuldig; ſie ſind
der Segen Eures Hauſes, die Stütze Eures Alters, die Stärke des
Staates, wenn ſie Tugend, Religion und Ehre kennen“ *).
Dieſes Jahr 1783, in welchem mit Verzicht auf fiskaliſchen Vor⸗
teil der Freiheit und Freizügigkeit in Deutſchland ein bahnbrechender
Schritt gegönnt ward, bezeichnet die Mittagshöhe wohlwollenden
Wirkens; in der darauffolgenden Zeit politiſcher Parteiung und faſt
unaufhörlicher Kriege wurde mit einer Art Heimweh jenes friedlichen
Daſeins gedacht. Der Hof unterhielt freundliche Beziehungen mit
Männern von geiſtiger Bedeutung, wie Pfeffel, Geßner, Herder, La⸗
vater, Klopſtock**).
*) Vgl. v. Drais, Geſchichte der Regierung und Bildung von Baden unter
Carl Friedrich, 2 Bände. Karlsruhe 1816—18, und Gemälde aus dem Leben
Carl Friedrichs. Mannheim 1829. — L. Häußer, über die Regierung Carl
Friedrichs. Ein Programm. Heidelberg 1864. — C. F. Nebenius, Karl Fried⸗
rich von Baden, herausgegeben von F. von Weech. Karlsruhe 1868.
**) S. D. Fr. Strauß' kleine Schriften, Leipzig 1862.
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