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168 Aufſätze aus verſchiedenen Gebieten.
Großherzog Ludwig Auguſt (geb. 1763), zweiter Sohn Carl
Friedrichs und der Markgräfin Caroline Luiſe, Oheim des Groß⸗
herzogs Carl, folgte dieſem 1818 in der Regierung. Beſonderer
Aufſchwung oder Fortſchritt fand in ſeiner Zeit nicht ſtatt; die Ver⸗
waltung des Staatshaushalts war knapp, ſtreng und ſparſam. Doch
erfreute ſich die Reſidenz der Gründung notwendiger und nützlicher
Gebäude. In kurzer Zeit wurden errichtet das Schlachthaus 1818,
das Kadettenhaus 1820, das ſtattliche neue Rathaus 1821, das
Ständehaus 1823, der neue Teil der Infanteriekaſerne 1824, das
Ludwigstor 1825, Münze, Stückgießerei und Waſſerleitung 1826,
das Kanzleigebäude der Waſſer⸗ und Straßenbaudirektion 1828.
Die Erbauung modellmäßiger Häuſer, namentlich in der langen
Straße, wurde gefördert; es entſtanden die Linkenheimertor⸗, Hirſch⸗,
Schlachthaus⸗ und Neutorſtraße, ſowie die Lindenſtraße.
Vier Jahre vor Großherzog Ludwig, am 1. März 1826, verſtarb
der Baumeiſter, welcher während drei Jahrzehnten der Stadt ihr
architektoniſches Gepräge verliehen hat, Friedrich Weinbrenner.
Er war geboren 1766 zu Karlsruhe, welches damals noch keine Ge⸗
werbeſchulen oder Bildungsanſtalten für Künſtler beſaß. Das Talent
mußte ſich forthelfen, wie Zufall und Umſtände es fügten. Sein
Vater, Zimmermeiſter, erteilte ihm den erſten Unterricht und be⸗
ſtimmte ihn für ſein Gewerbe. Nach deſſen Tode übernahm der
Artilleriemajor Lux ſeine weitere Erziehung im Zeichnen und in
der Mathematik. Inhaltreiche Wanderjahre erweiterten ſein Wiſ⸗
ſen. Im Jahre 1787 begab er ſich nach Zürich, um den Bau einiger
Gebäude zu leiten, wodurch er ſpäter in den Stand geſetzt wurde,
einen Jahreskurs an der Akademie in Wien unter Vincenz Fiſcher
durchzumachen. Seine Rückkehr nahm er durch Böhmen und kam
über Dresden nach Berlin, wo ihm Maler Carſtens und die Brüder
Genelli rieten, eine Reiſe nach Italien anzutreten. Mit Beſonnen⸗
heit und Ausdauer begann er dort das Studium der römiſchen Denk⸗
male. Er ſchloß ſich dem Forſcher Zosëga und dem ſtrebſamen Kreiſe
deutſcher Künſtler, wie Angelica Kaufmann, Reinhart, Koch u. a. an,
ſah Neapel und Paeſtum und kehrte erſt nach ſechsjährigem Aufent⸗
halt in Rom und dem übrigen Italien 1797 zurück. Die von ihm
ſelbſt geſchriebenen „Denkwürdigkeiten aus ſeinem Leben“, heraus⸗
gegeben von Dr. A. Schreiber, Heidelberg 1829, ſchildern getreu
und oft mit heiterem Humor ſeine italieniſchen Abenteuer. Die in
Rom ſich bildenden Künſtler ſtunden als Söhne des Jahrhunderts
der Aufklärung dem Rokokoſtil des 17. puriſtiſch gegenüber; die
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