Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 10: Aufsätze aus verschiedenen Gebieten)
[1916]
Seite: 190
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  (z. B.: IV, 145, xii)



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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw10/0190
190 Aufſätze aus verſchiedenen Gebieten.

Palaſt umfaßte die neue Kapelle, unter ihr den Hofkeller, über
ihr zwei Geſchoſſe, das untere für den Kurfürſten, das obere für
ſeine Gemahlin und deren Frauen. Im Jahre 1608 kam dazu der
Schloßaltan mit den Eckpavillons und den Bogen der Gewölb⸗
halle. Bemerkenswert ſind von den Bildwerken die ſtattlichen Sta⸗
tuen der ſechzehn Stammhäupter des pfälziſchen Hauſes mit ihrer
behaglichen Leibesfülle, den gedrungenen männlichen Geſichtern und
dem trefflich behandelten Koſtüm. — Erwähnt ſei noch, daß der
Gründer dieſes Palaſtes im Jahre 1607 das alte Dorf Mann⸗
heim am Zuſammenfluß von Neckar und Rhein, nachdem es durch
Aufnahme flüchtiger Proteſtanten aus Frankreich und den Nieder⸗
landen mächtig aufgeblüht war, zu einer Stadt erhoben und 1610
mit Wall und Mauern umſchloſſen hat.
Der Engliſche Bau war die prunkvolle Reſidenz, welche Fried⸗
rich V. ſeiner Gemahlin Eliſabeth, Enkelin der unglücklichen Maria
Stuart, Tochter Jakobs I. von England, ſeit 1612 errichtet, als
Mittelpunkt der großartigen Anlagen im Schloßgarten und auf
dem großen Wall, die nahezu vollendet waren, als die Pfalz nach
Böhmen zog. Der Bau fällt durch ſeine große Einfachheit auf, ein
ſchlichter, faſt nackter Quaderbau.
Wir ſchließen unſere Rundſchau in der Ruine mit dem acht⸗
eckigen oder Glockenturm auf der nordöſtlichen Ecke des Jetten⸗
hügels, zwiſchen dem Orto Heinrichsbau und dem neuen Hof. Auf
einem von Ludwig V. errichteten runden Unterbau hatte Friedrich II.
1559 einen achteckigen Turm aufführen laſſen, der, nachdem er in
den Belagerungen von 1622 und 1633/34 vielfache Beſchädigungen
erlitten hatte, nachher von Carl Ludwig ausgebeſſert wurde und
ſtatt des verfallenen ſteinernen Giebels eine ſogenannte welſche Haube,
ein hohes, mehrfach aus⸗ und eingebogenes Dach erhielt. Den Fran⸗
zoſen hatte er getrotzt, aber das Unwetter vom 24. Juni 1764 legte
ihn ſamt ſeiner nächſten Umgebung in Aſche.
In jenen Tagen, da der Kurfürſt Carl Theodor ſich rüſtete, ſeinen
Wohnſitz wieder auf der Burg ſeiner Väter zu nehmen, ſchlug der
Blitz zweimal in den neuen Hof, ein fürchterlicher Brand brach aus
und verzehrte die letzten bewohnbaren Teile des alten Palaſtes. Das
Feuer war ſo heftig, daß im achteckigen Turm die große Glocke
ſchmolz. — Im friedlichen Flammenglanz nächtlicher Feſtbeleuchtung
wird ſich unſere ehrwürdige Ruine ihren Feſtbeſuchern mit verſchärf⸗
ter Klarheit der Umriſſe darſtellen und der Erinnerung als unver⸗
löſchliches Schlußbild einprägen.


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