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10 Juniperus.
gen Leſern weder ſtoffloſe Phantasmen noch eingetrocknete Mu⸗
mien unter Glaskaſten, ſondern lebendige Geſtalten aus alter
Zeit vorzuführen.
Sein kunſtgeübter Freund A. von Werner hat ſich mit
Hingebung der Aufgabe gewidmet, dieſe Geſtalten bildlich zu
erfaſſen und, wie im Mittelalter einer geſchriebenen Dichtung
ein reicher Miniaturenſchmuck zugekommen wäre, ſo das zu
druckende Büchlein mit ſchlichten, ſinnigen Holzſchnittzeichnun⸗
gen ausgeſtattet, alſo daß auf unſern Kreuzfahrer nunmehr
Wolfram von Eſchenbachs Worte wohl angewendet werden dür⸗
en:
von Roelne noch von Mastricht
kein ſchiltaere entwürfe in bax
denn als er üfem orſe ſax*).
Die Verlagshandlung hat mit rühmlicher Ausdauer unerach⸗
tet der ſchwierigen Weltlage die Ausführung gefördert und die
Leiſtung der xylographiſchen Anſtalt von Cloß und Ruff wird
wohlverdiente Anerkennung finden. L
Möge nun die freundlich gemeinte Doppelarbeit des Dichters
und des Malers unbefangen ihren Weg ſuchen durch die von ern⸗
ſten Stimmungen bewegte Zeit; möge ſie, nachdem mitten in
Tagen der Kriegsbedrängnis ein Schienenweg des Friedens voll⸗
endet worden und des Dampfroſſes Schnauben nunmehr das
hegauiſche Wieſengelände entlang bis zum Gipfel des Neuenhewen
hinaufſchrillt, manch einen Leſer veranlaſſen, ſich der eigenarti⸗
gen Schönheit jener Höhen und Täler und des benachbarten
Wutachtales zu erfreuen; — möge ſie zugleich Zeugnis ablegen,
daß ehrliche deutſche Herzen Nichts wiſſen und Nichts wiſſen
wollen von Haß, Trennung und Bruderzwiſt und daß hier ein
Mann vom Oberrhein und ein Mann von der Oder in guter
Kameradſchaft zuſammengearbeitet haben an einem Werke deut⸗
ſcher Kunſt.
Karlsruhe, im Sommer 1866.
*) Parzival III, 158.
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