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In kühler Gartenveranda des Kloſters auf Berg Karmel
ſaßen im Jahre des Herrn eilfhundertundneunzig etliche deut—
ſche Kreuzfahrer ritterlichen Standes aus dem Heere, das Land⸗
graf Ludwig der Milde von Thüringen, dem großen ſchwerfällig
zu Land einherziehenden Pilgerheer ſeines Oheims, des Kai⸗
ſers Friedrich Rotbart, vorauseilend, von Brunduſium über
Meer vor Ptolemais geführt hatte. Bei dem letzten großen
Mauerſturm verwundet, waren ſie zur Pflege und Heilung aus
dem Lager nach des Karmel wohlbefeſtigter luftfriſcher Ein⸗
ſamkeit verbracht worden. Ein jeder trug ſein Denkzeichen von
ſarazeniſchem Gewaffen oder Brandgeſchoß griechiſchen Feuers
am Körper. Trotz ungeheurer Anſtrengung war jener Sturm
am Sonnabend nach dem Feſte Chriſti Himmelfahrt ein ſieg⸗
loſer geblieben.
Unter den thüringiſchen, rheinländiſchen und flandriſchen
Herren war ein ihnen unbekannter junger Kriegsmann, der auf
dem ganzen Kreuzzug ſeither als ein ſtummer Pilgrim mitge⸗
zogen. Erſt als ſein Fuß die Umwallung des „verfluchten
Turmes“, jener Hauptbefeſtigung von Ptolemais, ſtürmend be⸗
treten, hatte ſeine Zunge ſich gelöſt, und mit dem Schlachtruf:
„Hilf Sankt Georg und Grab des Herrn, hie Neuenhewen und
ſein Stern!“ war er unter die mauerverteidigenden Kämpfer
Saladins geſprungen und ſtand tapfer zudruckend und mit ſei⸗
nem Streitkolben Bahn hauend im Gewühl, bis er ſchließlich,
ſchwer gewundet in den Feſtungsgraben hinabgeworfen, von
den Seinigen weggetragen ward.
Die Lazarettlangweile zu kürzen, erzählten ſich die invaliden
Kämpfer ihre Geſchichten und was ein jeder daheim erlebt und
erſtrebt, bis er, das Kreuz ſeinem Waffenrock anheftend und
den heißen Sand Syriens gegen der Heimat geliebten Boden
eintauſchend, als Soldat des heiligen Grabes über Meer ge⸗
kommen.
Als die Reihe des Erzählens den jungen Kriegsmann traf,
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