Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-1/3
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 2: Juniperus, Hugideo u.a.)
[1916]
Seite: 16
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  (z. B.: IV, 145, xii)



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16 Juniperus.

ſtatt für Waſſer, und Neigung zu Roß und Gewild, ſtatt zu
Strauchwerk. Und dennoch deutet ihm Wachholder Späne und
Stiche mancherlei.“
Dieſer Rede hab' ich zugehört und ſie wohl im Gedächtnis
behalten. Mein Vater aber lachte und ſprach: „Gib dich zu⸗
frieden, du Burgfabuliererin; ſo etwas in ihm ſteckt, wird's
auch zutage kommen, und, ſo Gott in Ungnaden es gefügt hat,
am Ende gar ein Scholaſtikus. Brüder hat er genug, die ein
Streitroß tummeln; wollen's verſuchen und ihn in eine Klo⸗
ſterſchule eintun.“
Wenige Tage darauf ſtund das große Ritterpferd geſattelt,
und die Muhme hatte mir ein Bündelein zurechtgerichtet und
ſchöne Schreibtafeln und hängte mir einen wohlgeſchnitzten
Griffelfiſch an den Gürtel, und mein Vater hieß mich wie ſonſt
vor ſich in den Sattel ſitzen und ritt mit mir in das Kloſter zu
Rheinau am Rhein und übergab mich dem Abt Heinrich, der
ihm wohl befreundet war. Die Kloſterbrüder zogen mir ein lang
Gewand an, ſchoren meine Locken und wieſen mich zu den an⸗
dern, die dort zur Schule und Unterweiſung in den freien
Künſten eingetan waren.
Und ſo war mir's ergangen wie den Waſſertropfen, die von
unſerem Burgdach ſüdwärts abfließen... war vom Neuen⸗
hewen mitten in den Rhein gekommen, wußte nicht warum.
Dort auf der ſtillen flutumrauſchten Inſel im krummen Um⸗
ſchweif des jungen Stromes, wo des heiligen Fintan aus Ir⸗
land Gebeine ruhen, hab' ich gute Tage und Jahre in Fleiß
verlebt... und mich gehalten wie ein guter Kloſterſchüler und
die lateiniſchen Buchſtaben leſen und ſchreiben gelernt und kein
ander Ziel gehabt, als mit den Jahren ſelber ein frommer
Bruder zu werden, der am Steinſarg des irländiſchen Heiligen
im Chor der großen Kirche ſeine Pſalmen ſingt, im Scriptori⸗
um die alten Schriften abſchreibt und an des Abtes Tafel mit
benedicike und laudake dominum den herzſtärkenden goldgel⸗
ben Korbwein trinken darf.
Die Sprache der Lateiner aber ging mit voller Gewalt in
meiner Seele auf; oft wandelte ſich mein Denken aus der


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