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Juniperus. 17
Mutterſprache in ein lateiniſches, und wenn bei ſonntäglichem
Hochamt die Orgel ihren Vollton durch des Münſters Gewölbe
brauſen ließ, ſo klang es mir wider von Hymnen und frommen
Chören der Altväter, als müßt' ich das Rauchfaß ſchwingen
und in des Weihrauchs weiß emporwallendes Gewölk lateiniſche
Lobpſalmen hauchen zu Ehren des Herrn Himmels und der
Erde.
Unſer Lehrer Tannaſtus tummelte ſich im Wiſſen der Alten
nicht ſo feſtgeſattelt, daß allzuviel von ihm zu lernen ſtand. Oft
hub er den Zeigefinger und ſprach: „Pax Dei, Gottfried mein
Sohn, laß dir Zeit. Brauchſt heute nicht mehr auf die Spitze
der Eloquenz und des Parnaſſus emporzuklimmen, morgen iſt
auch noch ein Tag, ſprach Cicero, da er nach dem Mittageſſen
ſchlafen ging.“
Aber ich ließ ungern ab, und als wir, in die Klaſſe der
Poeſie vorgerückt, angeben ſollten, wen ſich ein jeder zu nach⸗
eiferwertem Vorbild erwähle, gab ich an: „Ich möchte werden
wie des Grafen von Veringen teuerwerter Sohn Hermann der
Lahme, der vor hundert Jahren als Stern der Wiſſenſchaft in
der Reichenau erglänzte, und wollte es willig hinnehmen, man⸗
gelhaft auf den Füßen zu ſtehen, wenn ich wie er die hehren
Hymnen Salve Regina und Alma redempktoris mater an⸗
gefertigt und erlebt hätte, daß die Kirchen der Chriſtenheit
von ihren Klängen erſchalleten. Und gleich ihm möcht' ich ein
Präfekt der Schule werden und alte und neue Geſchichten in ein
Chronikbuch verzeichnen und Muſikinſtrumente erſinnen und
denen, die im Herren ſtarben, ſchöne Diſticha zu Grabſchrift
machen, wie jener ſeiner Mutter Chiltrudis.“
Da ſprach Tannaſtus der Lehrer: „Pax Dei, Gottfried mein
Sohn, dein Eifer iſt gut. Und deinem Vorbild immer näher
zu kommen, ſollſt du ſtatt meiner die Handſchrift von des ehr⸗
würdigen Beda Unterricht in der metriſchen Kunſt, die wir
von den Reichenauern leihweiſe erhielten, abſchreiben.“
Und in den Stunden, da er im Scriptorium arbeiten ſollte,
ſetzte er mich an ſeinen Schreibtiſch und ging dafür Weinprobe
zu halten mit dem Cellerarius. Dieweil jener in außergeſetz⸗
Scheffel. II. 2
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