Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-1/3
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 2: Juniperus, Hugideo u.a.)
[1916]
Seite: 22
(PDF, 34 MB)
Bibliographische Information
Startseite des Bandes
Zugehörige Bände
Freiburg und der Oberrhein

  (z. B.: IV, 145, xii)



Lizenz: Public Domain Mark 1.0
Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw2/0022
22 Juniperus.

Spiel der Seele im großen dunkeln Auge.. . ungleich im We⸗
ſen, oft ausgelaſſen wild, dann wieder verſchloſſen und ver⸗
träumt und niemanden anſchauend als die Fiſchlein im Bek⸗
ken des Donauquells ... zumeiſt einherwandelnd wie eine Katze,
die ſich ihrer ſamtweichen Sauberkeit freut und ſtets bereit
hält, mit ſcharfem Sprung den harmlos ſie umhüpfenden Vo⸗
gel zu erkrallen ... ſo ging ſie mit unnachahmbarem und
keckem Wurf des Hauptes durch die Leute, mit niemanden
Freund, ſelten um ein ſpitzig Wort verlegen und dennoch vielen
wohlgefallend. Wenn ihre Vettern geritten kamen, der Bikk
von Almishofen von der Neuenburg am Gauchenbach, der Hug
von Almishofen, deſſen Haus zu Opferdingen ſtand, und Sym⸗
phorion, der Kirchherr von Ymmendingen, den ſie Sympho⸗
rion den Dusler nannten, ſo drängten ſich alle um Rothraut,
mit ihr zu reden und zu ſpielen, und die Schweſtern gingen
leer aus.
Wenn die ſich am Spinnrocken und mit Arbeiten der Frauen
die Zeit kürzten, huſchte die Rothraut bei ihres Vaters Falken⸗
meiſter herum und ließ ſich unterweiſen, wie der Stoßvogel
auf der Hand zu tragen, wie ihm die Kappe abzunehmen und
wie er mit ſicherem Wurf in die Luft zu ſchwingen ... oder
ſie ſtreichelte das Schimmelfüllen, das im Baumgarten wei⸗
den durfte, und ſprach: „Bis das groß geworden, bin auch
ich groß und hab' ein Jagdkleid mit braunem Scharlach und
einen Sattel mit klingenden Schellen, dann muß mir der Va⸗
ter das weiße Roß ſchenken, und ich reite mit euch ins Ried
und reite durch Strauchwerk und Gräben und Sumpfesgefahr
auf die Reiherbeize, huſſa ihr Kloſterlateiner, ſeht zu dann,
wie ihr mir folget!“
So hielten wir etliche Sommer lang Vakanzeinkehr im Al⸗
mishofer Ritterhaus, bis die Rothraut ſo groß emporgewachſen
wie wir ſelber. Dann ward unſer Kinderſpiel: „Weih, Weih,
was klopfeſt du?“ fürder nicht mehr geſpielt, denn als einsmals
der Diethelm wieder den Weihenruf anſtimmte, riß die Ro⸗
thraut eine Stange aus dem Bodek und ging ſelber auf ihn los,
ſtatt ſich zu ducken wie ein Küchlein, und ſetzte ihm tapfer zu


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw2/0022