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Juniperus. 23
mit Hieb und Stich, daß er fliehen mußte und ihr Kranz von
Herbſtaſtern, den ſie um das Haupt geſchlungen trug, in des
Kampfes Hitze aufgelöſt und zerzauſt zu Boden fiel.
Wie ich mit dem Diethelm wieder eingeheimſt ſaß im Rhein⸗
auer Kloſterſchulſaal, ward es ein ſchlimmer Lernwinter uns
beiden. Nur läſſig ſtunden meine Gedanken zu dem erwählten
Tugendvorbild Hermanns des Lahmen: ich vermeinte, es ſei
friſcher und manneswerter, ein Roß zu tummeln und mit
Speerbrechen und Schildzerhauen um Minnepreis zu werben
. . der lateiniſche Hymnenton, der ſonſt oft mit Stromesrau⸗
ſchen durch die Seele ſcholl, verſtummte; minder ernſte Reim⸗
klänge fuhren mit irrlichtelndem Aufzucken um mich aufu und
nieder:
rrines eius adamavi
quoniam fuere flavi*)
oder
B zagissima virago,;
exre Palladis imago
dixi ke ronspirciens **)
ſo daß Tannaſtus, unſer Lehrer, kopfſchüttelnd ſprach: „Pax
Dei, Gottfried mein Sohn, du gefällſt mir nur noch halb.“ Zu
meinem Stubengenoſſen aber ſprach er: „Diethelm, Galea Po⸗
pulorum, du gefällſt mir gar nicht mehr.“
Er mochte recht haben. Mein großer fröhlicher Herzbruder
ward täglich ſtiller und ſchweigſamer und floh ſeine Geſellen
Res war zur Fehde kommen zwiſchen ihm und der Freude.
Oberhalb des Felix Regula Kirchlein beim Badeplatz auf grü⸗
nem Damm ſtund ein alter Weidenſtamm morſch und hohl, die
Höhlung dem Talweg des Rheines zugekehrt. Dort ſtörten wir
ihn oftmals auf, daß er ſich eingeniſtet hatte und, vom hohlen
*) Ihre Haare mußt' ich lieben,
Denn blondgolden waren ſie.
**) Jungfrau klug und zauberhaftig,
Pallas Ebenbild leibhaftig
Schaut' ich, als ich dich erblickt.
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