Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-1/3
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 2: Juniperus, Hugideo u.a.)
[1916]
Seite: 24
(PDF, 34 MB)
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  (z. B.: IV, 145, xii)



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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw2/0024
24 Juniperus.

Baum umſchildet, hinabſtarrte in die kräftig ſtrömenden Rhei⸗
neswellen, wie ein in Sorgen Schwebender, und den Ruf des
Glöckleins überhörte, das zur Lernſtunde mahnte oder zur
Veſpermahlzeit.
Keinem verriet er, was ihn drückte. Da fiel nächtens einmal
der Mondenſchein voll in unſere Stube und brach mir den
Schlummer. Die Augen öffnend ſeh' ich den Diethelm auf ſei⸗
nem Lager aufgerichtet knieen; um die Bruſt trug er allzeit eine
große ſilberne Kapſel, ſeiner Mutter Geſchenk, eine Heiligen⸗
reliquie dreingefaßt.. . wie er die Kapſel eröffnete, erſah ich,
daß er eine welke Herbſtaſter dreingelegt hatte, und er küßte ſie
und netzte ſie mit rinnenden Tränen. Leiſe ſtand ich auf, ſchritt
zu ihm hinüber, ſchlang den Arm um ihn und ſprach: „Diet⸗
helm, Trautgeſell, was weineſt du?“ Er aber ſtieß mich un⸗
ſanft zurück und rief drohend: „Was kümmert's dich, Juni⸗
perus, apage, geh ſchlafen!“
Nachdem er aber wegen Einſchneidens eines großen Rbuch⸗
ſtabens in die Holzdecke eines Pſalterbuches eine Strafe mit
Ausſchließung vom gemeinſamen Tiſch, Waſſer und Brotkoſt
erduldet, wachte ich nächten wieder auf und ſah ihn halbange⸗
kleidet von ſeinem Lager weggehen, das Fenſter aufreißen und
ſich hinausſchwingen. „Wohin, Diethelm?“ rief ich betroffen.
„Fort, Juniperus, auf Nimmerwiederkunft,“ gab er zur Ant⸗
wort und ſaß ſchon im Geäſt der Ulme, die vom Rhein zu
unſerem Fenſter emporragte, und ließ ſich hinabgleiten, ſprang
in das Waſſer und ſchwamm wohlgemut über an das rechte
Ufer.
Deß war ich ſehr betrübt, und es ſummte mir an jenem
Tage lange eine lateiniſche Reimfügung durch den Kopf, die
endigte:
non est unda kam profunda,
vis amoris furibunda
nos immergik fluviv *)

*) Stärker als der Wogen Strandung
Reißt der Minne wilde Brandung
Uns in Strom und Strudel fort.


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