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Juniperus. 27
andern Ufers, und die grauen Wolken flammen und glaſten, als
wenn unterirdiſch Feuer, empordringend aus den Tiefen der
Erde, durch Fels und Berg und Wieſengeländ durchſchimmere
und am entgegengeſetzten Himmel ſeinen infernalen Schein
widerſpiegle...
„Eben darum iſt's ſchön!“ ſprach ſie mit kaltem Lächeln..
„und ſo wird's ausſehen am Vorabend des Tages, da die Po⸗
ſaunen ſtrafender Engel erklingen und das jüngſte Gericht her⸗
aufbricht über alternde Erde und Menſchheit.“
„Frevle nicht, Rothraut, werde milder!“ ſagte ich... aber
ſie warf ihr Haupt ſtolz zurück: „Gerade ſo ſprach der Diet⸗
helm geſtern; o ihr lateiniſche Seelen!“ lachte ſie und ließ mich
ſtehen, huſchte in den Hof und ſpielte mit ihren Hahnen, denen
hatte ſie Glöcklein von Erz um die Hälſe gebunden, und hetzte
ſie umher, daß der Schellen Tintinnieren und der Hahnen
Gekräh ſeltſam durcheinander tönte.
Da ritt ich betrübt heim. Folgenden Tages ſandte ich einen
Knaben nach Blumenegg mit einem Zettel, darauf hatte ich in
heimlicher Notenſchrift, wie einſt wir Kloſterſchüler ſie in Ubung
hatten, geſchrieben: „Diethelm, kannſt du von dem Buchſtab R
laſſen?“
„Neinzs!“ war Diethelms Antwort.
Gleich darauf kommt ein Bote des Blumeneggers mit einem
Zettel, darauf ſteht in gleicher Schrift: „Juniperus, kannſt du
von dem Buchſtab R laſſen?“
„Neins, Diethelm!“ war meine Antwort.
Da brach harte Zeit für uns zweibeide an, die wir bis dahin
gute Geſellen und Herzbrüder geweſen.
Nun begab es ſich im Lenzmonat des eilfhundertachtund⸗
achtziger Jahres, daß mit großem Zulauf aus nah und fern
in Almishofen die Faſtnacht begangen ward. Gaſtlich hatte
der alte Markwart ſein Haus aufgetan, viele Edle und Ritters⸗
leute aus der umliegenden Bertholdsbaar und dem nahen
Schwarzwald kamen zu Kurzweil und Mummenſchanz geritten,
denn dort in Schwaben wird um dieſe Zeit viel Fröhlichkeit
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