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Juniperus. 29
und küßten von den Alten und Vornehmen, wen ihr Vater ſie
bat zu küſſen.
Wie war die Rothraut ſtolzſtrahlend jenes Tages! In an⸗
ſchmiegend niederwallendem braunem Gewand, die fliegenden
Zöpfe mit Goldfaden durchwoben, einen ehernen Reif um das
Haupthaar geſchlungen, glänzte ſie neben den Schweſtern ...
aber, als ob des Schönen Vollklang ohne zugemiſchten Mißton
nicht ſein möge, ſtatt eines Straußes erſter Lenzblumen trug ſie
die blattloſen mattroten Blütenzweige des giftigen Zylandſtrau⸗
ches, der als unheimlicher Frühlingsverkünder dortlands unter
dem Erſten erſcheint, was nach verſchwundener Schneedecke auf⸗
blüht.
Mein Blick begegnete dem Blick Diethelms, der ſeine Holz⸗
larve abgenommen, die Maid zu begrüßen. Sie aber hatte wenig
Auge und wenig Sinn für uns, und wie ich vor ſie trat, als ſei
ich grüßenden Kuſſes gewärtig, hielt ſie mir mit vornehmem
Wink ihren Strauß an die Lippen und ſprach: „Narrô!“ Ich
aber ſagte: „Rothraut, das ſind nicht die rechten Blumen, dich
zu ſchmücken; ſchön ſind ſie, aber giftſüß und tückiſch zugleich:
will das Aug ſich ihrer Pfirſichblütfarbe ergötzen und der Geruch
ſich ihres Hyazinthenduftes laben, ſo endet's mit einem wehen,
kranken Haupt.“
Da lachte ſie ihr bekanntes Lachen und ſprach: „Was ich
dir reiche, Juniperus, du ſanfter Fiſch ohne Gräten, das ſoll dir
recht ſein!“ und wendete mir den Rücken.
Und meine Sehnſucht nach ihr, trotz geringſchätzenden Ge⸗
barens und giftrötlicher Zylandblüte, ward ſtark und ſtärker, und
war mir zum Troſte nur, daß ſie auch dem Diethelm lachend mit
dem Strauß durch das Antlitz fuhr.
Einem aber reichte ſie gemeſſen und minnig den Kuß des
Empfanges, das war in grünblauſchillerndem Seidenrock, dar⸗
auf das Wappenzeichen der drei roten Schilde im ſilbernen Feld
kunſtreich gewirkt, Reinald von Urſelingen, den Sohn des tap⸗
fern Urſelinger Konrad, den unſer Kaiſer Rotbart ſeiner Feld⸗
hauptmannstugend auf italiſcher Heerfahrt wegen mit der Her⸗
zogswürde von Spoleto beliehen.
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