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30 Juniperus.
War ein unſchlanker, aber gutmütiger Geſell, der ſich viel
auf ſeine Kenntnis höfiſcher Sitten einbildete und ſein großes
Haupt ſchwer und unbehilflich trug. Sie hießen ihn darum und
ob ſeines Wappenrockes Farbenſchiller Reinald den Eisvogel.
Der Rothraut aber mochte alles, was ſein Mund ſprach, lieb⸗
lich und höfiſch dünken, denn ſie lächelte ihm mit ihrem ſüßeſten
CLächeln zu und ſprach, was ſie ſonſt nur ungern tat, in Fran⸗
zoſenſprache: a bien venianz, genkil KRainald! und wiegte ihr
Haupt auf dem ſchlanken Hals, als wolle ſie ihm deuten, es
ſei wohlgeſchaffen, dereinſt zur Seite dem ſeinigen herzoglichen
Kronreif zu tragen.
Wie ſie einmal wieder an mir vorbeiſtreifte und in meiner
Augen trübnisſchwerem Blick leſen mochte, wie wenig ich davon
erbaut, ſprach ſie leichthin: „Weißt du auch etwas von Spo⸗
leto, Juniperus? Von Spoleto im Land Italia, wo der Him⸗
mel blau und die AÄpfel golden?“
„Bin ein arm jung Blut, Rothraut,“ gab ich zur Antwort,
„und habe noch keine Heerfahrt getan dorthinüber. In der
Schule lernt man, daß der Weg nach Rom dort vorbeizieht, es
ſtehen im Itinerarium zwei andere Orte in der Nähe verzeich⸗
net, der eine heißt der Narr, der andere der Tod*), und in
Spoleto werden in Sommerszeit die Hunde wütend. Spoletaner
aber gibt es, ſind eigentlich in Urſelingen drüben bei Rottweil
daheim, wo man den Oſtwind Heubergerluft und den Nordwind
Kniebisluft heißt.“
Da ſchlug ſie mir einen Schlag mit dem Daphneſtrauß auf
die Wangen und ließ mich abermals ſtehen.
Die Alten und Matronen nahmen bei dampfenden Schüſſeln
von Fleiſch und Kraut Platz und ſchlürften die wohlgekochten
Schnecken aus ihren Häuslein und ſogen ſchnalzend des kriechen⸗
den Wildbrets Fettſaft, denn die Faſtnacht wäre nicht recht⸗
mäßig gefeiert, wenn dieſer Leckerbiſſen fehlte, und meine Muh⸗
*) Narni und Todi, zwei Bergſtädte des ehemaligen Herzogtums Spoleto.
„Vom Narren zum Tode“ lautete der ſcherzhaft wegweiſende Pilgerſpruch
der Romfahrer.
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