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Juniperus. 35
menegg und verlängerte ſeine hölzerne Narrenſchere, daß ſie
ſchwirrend mit einem Stück Rehbraten dem Prediger unter die
Naſe fuhr.
Der greiſe Bruder aus dem Gnadental ließ ſich ſo leicht nicht
abweiſen. „Wendet und kehret euch,“ rief er im Sattel aufge⸗
richtet, „tut von euch den ſündigen Mummentand, vernehmet...
AWollen nichts vernehmen heut außer dieſem,“ rief Rainald
von Urſelingen und pfiff den Flötierern hinüber, daß ſie ihre
unterbrochene Tanzweiſe weiterſpielten. „Narrö!“ ſchrie ein
Trupp Vermummter und ſang ſchellenklingelnd den wohlbekann⸗
ten Narrenmarſch. „Sacrilegium!“ rief ein anderer, „wir ſind
gute Chriſten, aber auch gute Schwaben, und kommt uns ein
Pfaff auf die Faſtnacht geritten, ſoll er Predigen laſſen ſein.“
Derweil hatte mir der Bruder Berthold klagenden Blickes
eines ſeiner Pergamente gereicht, das war der ausführliche Brief
eines Ritters vom Hoſpital, der mitgefochten in der großen
Schlacht am Berge Hittin, an Archimbald den Hoſpitalmeiſter
in Italien, und ſtund genau drin erzählt, wie ſich alles zuge⸗
tragen ... die Kampfnot auf der in Brand geſteckten dürren
Heide, Rainalds von Chatillon Gefangenſe chaft und Mord, der
Seeſtädte Fall ... Da ſchien mir unbillig, ſolche wichtige Kun⸗
den den Anweſenden vorzuenthalten und mit tönendem Narroõ
dem Predi iger den Mund zu ſperren.
„Haltet ein, gebt Gott die Ehre!“ rief ich und ſuchte dem
Bruder von Gnadental, den der Bikk mit ſeinem Schwarm in
den Narrenumzug hineinreißen wollte, Luft zu machen.
Das war denn erwünſchter Anlaß, den Streit mit mir fort⸗
zuſetzen.
„Hat er ſich wieder ein Beſonderes, der Lateiner?“ rief der
Bikk von Almishofen. „Fahr in die Heiden, laß uns in Freu⸗
den!“ ſchrie der Diethelm, glühend von Wein und Zorn und
verhaltener Eiferſucht; und ſie griffen ihre hölzernen Flamberge,
wie ſie die Hanſel führen, und ſtürmten pritſchend auf mich ein.
„Narrô oder Ernſt?“ fragte ich. „Wie du willt, Seehäſulein!“
war des Bikken Antwort. Andere drängten den Bruder vom
Gnadental ſamt Grautier und Bildfahnenträgern zu des Baum⸗
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