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Juniperus. 37
Rache . . . und als mein gutes Roß, da wir des Bikken Bolzen
auszogen, zuſammenbrach, ſprach ich in Wut: „Aug' um Auge.
Zahn um Zahn! wohlauf, ihr Knechte, dem Schädiger einen Ge⸗
genſchaden!“
Das todwunde Roß ſchleppten wir in ſichern Gewahrſam,
ſtellten die andern Roſſe dazu und ſuchten auf wohlbekannten
Schleichwegen ſelbſieben den Gauchabach, in deſſen verbor⸗
genen Schluchten der Bikk auf ſeiner Feſte Neuenburg horſtete.
Und mein Anſchlag war, meinem Roßverderber ſeine Burg⸗
mühle in Brand zu ſtecken, daß ihm ein Rachefeuer entgegen⸗
leuchte, wenn er heimgeritten komme vom Gelag.
Von jener Stunde an war ich Gottes und ſeiner Heiligen nicht
mehr eingedenk.
Sonſt, wenn ich über die Höhen von Tekkingen kam, hielt
ich bei einem hölzernen Kreuze, darob das Bild des Erlöſers
in das Grün der Tannenwälder ſchaut, betete ein Paternoſter
und tat einen rundſchauenden Blick über das wildſchöne Land.
Noch ſteht alles wie ein reiches Farbenbild vor meinem Aug':
die Hochebene mit den eng hinabgeklüfteten Spalten des Bodens,
durch welche der Wildbach Gaucha auf dem Eillauf zu ſeinem
Hauptfluß ſich durchgefreſſen und ſchäumend zum Tal rennt ...
jenſeit der mühlenbeſetzten Schluchten lange Rücken dunkler
Tannwälder, den dem Rhein entgegengekehrten Wutachlauf
zeichnend, darüber klar und duftig, Wanderſehnſucht und Hoch⸗
gebirgsverlangen in der Seele wachrufend, die helvetiſche Al⸗
penferne! In der guten Kloſterzeit hatte ich zu Ehren jener
Schluchten eine Cantilena angefertigt — ſie begann:
e raligine norkurna
prominek arx farifurna,
forfis, goli aria?) —
und hatte die ganze Landſchaft bis zu den mit ſcharfem Umriß
in die Himmelbläue ſich einzeichnenden Gipfel des Mönchs und
*) Nächtig dunkeln Abgrundſchauer
überragt mit ſtarker Mauer
Einſam trotzig eine Burg.
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