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42 Juniperus.
Streich ... ſtöhnend lagen wir in des neugebrochenen Ackers
Furchen.
Es war ein einſamer Ort und Abendſtille, niemand Kampf⸗
zeuge als die dunkeln, blaugrauen, von ſchwerem Gewölk über⸗
zogenen Häupter der fernen Alpen. Die Wipfel des Bergwaldes
durchkrachte Gewitterwind.
Mählich klärte ſich da und dort der Himmel. In zerriſſenem
Gewölk ging die Nacht auf. Betaut von Regen und Blut lag
ich auf dem Rücken, über mir unbekannte klare Sterne, die Land⸗
ſchaft tief ſchwarz, jenſeit um den fernen Schwarzwald auf⸗
zuckend elektriſch Leuchten, von hellen Blitzen durchſchnitten.
Auch am Boden unfern von uns hub ſich zuckend Schimmern,
daß Helm und Harniſch, vom Sankt Elmsfeuer umſäumt, gla⸗
ſteten.
So lag ich, ein wunder Mann, eingetaucht in der Erde phos⸗
phoriſch blauleuchtenden Dunſt, des Himmels ſideriſche Ruhe
zu Häupten. Und auf dem finſtern Waldweg ſcholl ein Glöcklein,
und ſchritt mit vorgetragener Kienfackel der Leutprieſter von
Moerishauſen, einem Sterbenden die letzte Wegzehrung brin⸗
gend.
Da kam fremde Kraft und fremdartig Denken über mich.
Schwerfällig ſchob ich mich zum Diethelm hin, löſte den Dolch
Miſericordia aus dem Gürtel, knieete an dem Schwergewunde⸗
ten empor und rief ihm ſeinen Namen in das Ohr. Er ſchlug
die Augen auf. „Stoß zu!“ ſtöhnte er.
„Madgſt du noch immer vom Buchſtab R nicht laſſen?“ fragte
„Neinzä!“ ſprach er matt und trotzig, „ſtoß zu! Ich hab's
verdient. Nicht um dich: der Rainald ...“
„Um Gottes willen,“ ſchrie ich und hielt die Hand abwehrend
wider ſeine Lippen, „ich will nicht wiſſen, was du dem Rainald
getan .. .“ Den Dolch ſtieß ich in die Scheide zurück. „Schau,
Diethelm,“ ſagte ich, „alte Brüder und Lerngeſellen, wie wir,
ſollten einander nicht mit Dolch und Gnadenſtoß das letzte
Fahrwohl ſagen. Des Streites wäre genug. Wenn wir nicht
auf freiem Felde verenden und wieder heil werden ...“
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