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Juniperus. 43
.. . „müſſen wir wiederum fechten auf Leben und Ster⸗
ben!“ fiel Diethelm ein.
„Müſſen wir?“ unterbrach ich ſeine Rede, „ſieh zu, alter Ge⸗
ſell, ob wir müſſen. Eins bleibt wahr, ſolang keiner von uns
des Buchſtab R vergeſſen mag, iſt einer von uns zu viel auf
der Welt .
„So iſt es! 1“ ſeufzte der Diethelm.
„Aber nicht unſere Hand ſoll Raum ſchaffen, Diethelm, “*
ſprach ich; „Blutſchuld am Freund mag nicht um Minne wer⸗
ben. Ein anderer ſoll das Urteil fällen!“ Ich wies nach dem
Rhein, der grollend durch die ſchweigſame Nacht ſeines Falles
Brauſen ertönen ließ. „Wollen jenen zum Schiedsrichter ma⸗
chen,“ fuhr ich fort, „ihn, durch den wir dem Kloſter entſchwom⸗
men, da jene Unſegensminne die Herzen zu umſtricken begann,
unſern alten guten treuen Rheinauer Rhein! wollen wieder ein⸗
tauchen in ſeine Flut, nicht gegen ihn, mit ihm, da wo er, der
Rothraut Söller nahe, über Klippen und Felſen tobend hinab⸗
ſtürzt. Dort im Laufenfall ſprüht der Tod ſo ſicher wie von un⸗
ſerer Schwerter Schneide; dort laß uns hindurchſauſen! Wem
der Rhein durch ſeine Fälle Paß geſtattet, der mag die Ro⸗
thraut freien; wen er zerſchmettert, gut, der läßt es ſein.“
Bauern aus der Nähe hatten unſere Roſſe eingefangen
und fanden uns im Felde liegen. Schreiend kamen ſie mit Trag⸗
bahren, uns nach der Stadt zu ſchleppen.
„Eingeſchlagen!“ ſprach der Diethelm, da wir auseinander
kamen, „eingeſchlagen, mein Leben iſt verwirkt, im Rheinfall
ſehn wir uns wieder!“.
Und was ich jetzo zum Schluß meiner Geſchichte zu erzählen
habe, iſt ſchwere Aventiure. An meinem Krankenlager erzählten
ſie, der Rainald liege auf den Tod geſchoſſen auf der Urſelinger
Burg, wiſſe nicht von wem.
Es dauerte lang, bis unſere Wunden heil waren. Aber als
der Mai die Wieſen zu blümen begann, erhielt ich vom Diet⸗
helm die Frage: „Biſt du bereit, Juniperus?“ und gab zurück:
„Ich bin's, Diethelm.“ Stumm, das Geheimnis in der Bruſt
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