http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw2/0044
44 Juniperus.
verſchloſſen, einen Zweig vom alten Turmwachholder an der
Jägerkappe, verließ ich die gute Neuenhewen.
Ich habe ſie nicht wiedergeſehen.
Und am Morgen des fünften Maien — da wir ſtürmten am
Fluchtturm war der Jahrestag — knieeten wir in der Kirche des
Allerheiligenkloſters oberhalb Schaffhauſen, taten eine chriſt⸗
liche Beicht für alles Vergangene und machten Frieden mit
Gott.
Der Diethelm zitterte, wie er von dem Prieſter kam. Ohne
unſern Vorſatz zu offenbaren, ſchritten wir zum Rheinſtrand.
Jeder hatte ſeinen Kahn bereit, mit Rudern und einem Fähn⸗
lein, das ſein ritterlich Wappen trug.
Auf das Laufenſchloß über dem Fall hatten wir einen Boten
geſandt mit der Botſchaft: „Wenn Rothraut von Almishofen
heutigen Morgens den Söller nicht verläßt, mag ſie auf dem
Rhein Aventiure erſchauen.“ Der Bote hatte nicht verraten,
von wem er komme.
Mit feſt ausgepolſtertem Lederwams taten wir uns zu der
Fahrt an. Zwei ungleiche Halme in der Hand verſchließend,
bat ich den Diethelm zu ziehen, wem auf rechter, wem auf linker
Stromſeite zu fahren zufalle. Er zog für ſich die linke Seite.
Wir umarmten einander lang und ſchweigend.
„Ohne Groll!“ ſprach er endlich.
„Ohne Groll!“ ſprach ich. „Im Namen Gottes, ab!“ ...
Gleichzeitig ſtießen wir vom Lande und ruderten neben⸗
einander an Schaffhauſens Mauern und Türmen vorbei. Laut
und lauter begann das Herz zu ſchlagen. Es ging dem Rheinfall
entgegen. Des Frühlings Hochgewäſſer hatten ihn geſchwellt,
daß er ſtärker toſte denn gewöhnlich.
Einmal war's, als bringe der Wind Zitherſpiel durch die
Lüfte: hoch über uns, auf dem Söller des Laufenſchloſſes ſtand
ein Kreis von Frauen; ich erkannte der Rothraut braunes Ge⸗
wand, das ſie um Faſtnacht getragen.
Schon riſſen die Wogen ſchneller die Boote. Wie ſein Los
beſtimmte, ſteuerte der Diethelm nach der linken Stromſeite,
zwiſchen dem Laufenſchloß und dem dunkeln Fels, der, in Mitte
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw2/0044