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52 G Juniperus.
ſammengefügten Turmklotz ſchwankt im Lufthauch als einziger derzeitiger In⸗
ſaſſe der Burg des deutſchen Bergwalds Balſamſtande, der Wacholderſtrauch.
Abtei Rheinau.
Augia Rheni — Rinowe — Rheinau, 1 ½ Stunden unterhalb Schaffhauſen
auf einer Inſel, die der Rhein bald nach dem Fall in ſeltſamer Krümmung
bildet, indem neben der Inſel auf beiden Seiten eine langgedehnte Halbinſel
herläuft. Römiſche Altertümer und Reſte alter Waldverſchanzungen auf der
Halbinſel Schwabenau — Suabova — bekunden die Wichtigkeit der Poſition
in den Grenzkämpfen der Römer und Alemannen am Oberrhein.
Die Stifter des Gotteshauſes waren welfiſchen Stammes. Ein Diplom
Ludwig des Deutſchen, deſſen Echtheit aber fraglich iſt, meldet, daß das Kloſter
von Welfhard, Sohn Rudharts, einem Grafen von Kyburg, um 778 geſtiftet
und von Karl dem Großen 780 zu Konſtanz beſtätigt ſei. Ein echtes Diplom
nennt als Vollender einen „Wolvene, deſſen Vater und Großvater gleichen
Namens den Bau begonnen“. Berühmt ward Rheinau durch den Aufenthalt
des irländiſchen Asketen Findan, der, nach einer ziemlich gleichzeitigen aber
ſehr fabelhaften Biographie aus ſeinem Vaterland durch normanniſche See⸗
räuber entführt, auf einer der orcadiſchen Inſeln ihnen entfloh und von da
nach Ablegung des Gelübdes einer Wallfahrt nach Rom „trockenen Fußes“
übers Meer ging. Nach langem Pilgern durch Gallien, die Lombardei und
Rom verband er ſich zu geiſtlichen UÜbungen vier Jahre lang mit einem edeln
Alemannen und trat in das demſelben angehörige Kloſter Rheinau. Hier be⸗
gann er nach fünf Jahren das Leben eines Recluſus, das er zweiundzwanzig
Jahre unter den härteſten Entbehrungen fortſetzte. Die tägliche Brotportion
verkürzte er ſich immer mehr, um das Erübrigte den Armen zuzuwenden. Bei
den häufig berichteten Viſionen geſchieht die Unterredung in ſeiner vaterländi⸗
ſchen altiriſchen Sprache; die Formeln haben nicht immer eine UÜberſetzung,
alfo ein Beweis, daß die Biographie zu einer Zeit verfaßt iſt, wo das Kloſter
noch iriſche Mönche zählte.
Schwierig iſt nur die Chronologie, da das Leben dieſes Heiligen bald in den
Anfang, bald in das Ende des neunten Jahrhunderts verlegt wird. S. Rett⸗
berg, Kirchengeſchichte Deutſchlands. Göttingen 1848. Bd. II. 125. Die Bio⸗
graphie des Heiligen bei Mabillon Acta S. Ben. saec. IV, 1. 377. Gold-
ast rerum Aleman. script. tom. I, 2, p. 203 und Mone, Quellenſammlung
zur bad. Landesgeſchichte tom. I, p. 54. — S. auch Grimm, Weistümer 1, 285.
Des Kloſters Millenarium feierte Moriz Hohenbaum van der Meer:
Kurze Geſchichte der tauſendjährigen Stiftung des freien Gotteshauſes Rheinau.
Donaueſchingen 1778. Es war dem einſtmals unmittelbaren freien Reichsſtift
nicht vergönnt, ſein eilfhundertjähriges Jubelfeſt zu begehen. Nachdem es ſchon
1455 unter den Schutz der ſieben alten Orte der Eidgenoſſenſchaft getreten und
ſpäter der Landeshoheit des Kanton Zürich unterſtellt war, wurde von der
Züricher Regierung die Aufhebung und Umwandlung in ein Kantonshoſpital
verfügt und vor wenig Jahren ausgeführt. Es mag ein rührender Abſchied ge⸗
weſen ſein, als die letzten zwölf greiſen Konventualen mit ihrem Abt Leodegar
aus den rheinumrauſchten Zellen auszogen auf Nimmerwiederkehr.
Der Schreiber dieſer Zeilen, der im Jahr 1858 bei den zahlreichen Hand⸗
ſchriften der Bibliothek und den wohl geordneten Truhen des Archivs manche
lehrhafte Stunde verweilte, bewahrt ihrer Gaſtfreundſchaft dankbares Andenken.
Unter den Pergamenthandſchriften, damals in beſonderem Schrank verwahrt,
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