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Hugideo. 67
rin, einer von jenen Köpfen, deren Anblick anderthalb Jahrtau⸗
ſende ſpäter den Altmeiſter Wolfgang von Frankfurt anmutete
wie ein Geſang des Homerus: — das Haar in loſer Flechte am
Nacken geknüpft, frei, edel und groß das Antlitz, ein güldener
Reif um die Stirn.
Jenſeits des Steinhäusleins, da wo ein Felsvorſprung Raum
gibt in der Biegung des Berges, hämmerte der Mann eine
Niſche in die Wand und ſtellte das fremde Frauenbildnis dar⸗
ein, als ſollt' es der ſchirmende Geiſt des Ortes ſein und aller,
die unten vorüber ruderten.
Und auf daß kein ungeweihter Fuß ſich jener Stelle nahe,
ſteilte er die Felswand ſenkrecht ab und baute aus Tannenſtäm⸗
men eine Zugbrücke, auf welcher er allein aus der Klauſe Rück⸗
fenſter hinüberwandeln mochte. Was er ſonſt trieb, ward nicht
viel ruchbar im Land; Schiffer und Fiſcher, die in leichtem
Kahn rheinabfuhren, ſahen ihn oftmals bei ſinkender Sonne
drobenſitzen und hinausſchauen gen Süden; es war damals
nicht Brauch, daß einer ſich viel drum kümmerte, was der
andere tat, und noch viel weniger, daß von Obrigkeitswegen
einem jeden der Deckel von ſeinen Töpfen gelupft ward — ſo
ließen ſie ihn gewähren.
Der Rhein aber ſchuf dem Klauſenmann eine Arbeit eigener
Art, denn er hält beſondere Ordnung in betreff der Toten, die
ſeine Wellen forttragen ſollen. Wer fern im Bodenſee oder an
helvetiſchem Ufer ihm zur Beute wird, den behält er und trägt
ihn gelaſſen weiter durch rauſchenden Fall und Strudel und
Höllhaken hindurch, bis er den weſtwärts gewendeten Lauf um⸗
kehrt; aber zur Wanderung gen Norden in des Rheingau
fröhlich Rebengefild nimmt er die Leichen des oberen Landes
nicht mit, und in der ſtillen Bucht am Klotz von Iſtein ſpült er
ſie ſorgſam ans Ufer.
Da kam oftmals Nebi, der Salmenfiſ cher, zum Klausner ge⸗
ſtiegen und rief ihn herab, den ſtillen unbekannten Gäſten die
letzte Ehre zu erweiſen, und ſie ſchaufelten manchem ein Grab,
den bei Schaffhauſen oder im toſenden Strudel bei Laufenburg
die Wellen verſchlungen, und manchem, den an der Aar oder
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